Meinungen prallten hart aufeinander

Info-Fahrt, Demonstration und Bürgerversammlung – und im Mittelpunkt der Rüdtwald:

Bretten (gm). Die einen demonstrierten, die anderen informierten: zwei Parallelveranstaltungen zeigten am Dienstag deutlich auf, dass sich die Lager in der Melanchthonstadt gespalten haben. Während die Stadt eine Informationsfahrt angeboten hatte, rief eine Bürgerinitiative fast zur gleichen Zeit zu einem Demonstrationszug durch die Stadt vor das Rathaus auf, in dem kurz danach eine Bürgerversammlung angesetzt war. Und bei allem ging es um das gleiche Thema: das mit drei Alternativen (Rüdtwald, Diedelsheimer Dreieck und beim Schwarzerdthof) angedachte neue Gewerbegebiet, das von der Stadt bevorzugt im Anschluss an das bestehende Gebiet in Gölshausen gesehen wird. Hierzu müssten aber 40 Hektar des Rüdtwaldes abgeholzt werden, denen allerdings 70 Hektar an Ausgleichflächen gegenüber stünden.

Während Oberbürgermeister Paul Metzger rund 80 Interessierte – unter ihnen auch Vertreter der städtischen Ämter – per Busfahrt vor Ort informierte, zogen knapp 300 Teilnehmer mit Treckern, Pferden und zu Fuß vor das Rathaus, um dort mit einer Kundgebung ihrem Ärger und ihren Besorgnissen Luft zu machen. Dabei ging man mit dem Stadtoberhaupt nicht zimperlich um. Dem auf Spruchbändern als „Schlächter des Rüdtwalds“ apostrophierte OB Metzger wurde vorgeworfen, mit der Nutzung des stadteigenen Rüdtwalds „nur die verfehlte Politik der Stadt beim Ankauf der Flächen in Gondelsheim vertuschen zu wollen.“

„Wer Wald rodet, wird Sturm ernten“ versprach man dem Verwaltungschef nicht nur weitere Aktionen, sondern wies auch auf Umwelt-Aspekte hin. Markus Vincon verdeutlichte darüber hinaus eine Gölshäuser Sicht: „Wir haben die Nase voll. Uns reicht’s.“ Dass es aber auch ganz generell um die Brettener Ansiedlungspolitik geht, machte ein Sprecher der Bürgerinitiative, Otto Mansdörfer, ein früherer Gemeinderat der Grünen, deutlich: „Sie hat einen Punkt erreicht, in dem viele Bürger dem OB nicht mehr folgen wollen.“ Der Vorwurf einer „blinden Wirtschaftsförderung“ bezog sich vor allem auf die nach Meinung der Initiative fehlende Zusammenarbeit mit Nachbargemeinden, in denen zum Teil Gewerbeflächen frei stünden.

Die gespannte Stimmung setzte sich auch bei der Bürgerversammlung im Rathaus fort. Der mit Trillerpfeifen und Buhrufen empfangene OB bewahrte trotz zahlreicher Provokationen die Ruhe und rief dazu auf, in „Fairness die Argumente auszutauschen.“ Er verdeutlichte zusammen mit Stadtplaner Ulrich Braun den gegenwärtigen Stand der Überlegungen und ließ dabei vom zuständigen Büro Glaser auch eine kurze Bilanz der Umweltverträglichkeitsstudie (die seit gestern im Internet der Stadt einzusehen ist) für die drei alternativen Gewerbe-Standorte ziehen.
Dabei gab es Beifall von der Initiative für die Feststellung, die Flächeninanspruchnahme im Rüdtwald stelle die massivste Beeinträchtigung der Umwelt dar. Unter anderen Aspekten, wie zum Beispiel verkehrliche Anbindung und Vermeidung von Zersiedelung, liegt der Rüdtwald allerdings auch vorne. „Aus Sicht der Regionalplanung hat der Rüdtwald die beste Eignung“, so Stadtplaner Braun, der auch darauf hinwies, dass die Waldfläche in Richtung Landesstraße unangetastet bleibe. Dem setzte Herbert Vogler gegenüber, dass dieser Waldbestand durch die Versiegelung der Flächen „von alleine eingehen werde – auch das kann man eine vorausschauende Planung der Stadt nennen.“

Beklagt wurde von Bürgerseite eine „einseitige Information“ und eine „Alibi-Funktion der Rüdtwald-Alternativen“. Dem hielt Metzger entgegen: „Wir haben im Vorfeld der Umweltverträglichkeitsstudie Alternativen aufgebaut und eine Güterabwägung versucht und ein Verfahren eingeleitet, das sie in Deutschland suchen müssen. Dabei sind in allen Etappen die Bürger beteiligt.“ Und zum Vorwurf des hohen Brettener Flächenverbrauchs stellte Metzger fest: „Im Flächenmanagement sind wir nachgewiesenermaßen bundesweit Spitze. Wir haben in Bretten mit Abstand die geringste Flächeninanspruchnahme für Gewerbe und Industrie.“ Auch den Vorwurf mangelnder interkommunaler Zusammenarbeit ließ Metzger nicht auf sich sitzen und verwies darauf, dass die von der Initiative immer wieder ins Feld geführten freien Flächen zum Beispiel in Oberderdingen und Gondelsheim für große Firmen nicht ausreichten.

An der Notwendigkeit neuer Gewerbe- und Industrieflächen für Bretten in einer Größenordnung von rund 65 Hektar bis zum Jahr 2015 ließ der Oberbürgermeister auch mit Blick auf die für ein Mittelzentrum viel zu geringe Zahl von rund 40 Arbeitsplätzen pro 100 Einwohnern (in vergleichbaren Mittelzentren liegt die Zahl bei 50 bis 55) keinen Zweifel: „Wir haben Nachholbedarf.“ Nach Schaffung von rund 18 Hektar für Dienstleistung durch Umstrukturierungsmaßnahmen im Brettener Süden verbliebe ein Erschließungsbedarf von rund 47 Hektar, um Firmen in der Stadt und damit Arbeitsplätze zu erhalten, aber auch neu zu schaffen.
Allerdings, so Metzger, gebe es eine vierte Alternative: „Nichts tun. Das aber bedeutet Substanzverlust. Auch bei den Einnahmen der Stadt und damit bei deren Leistungen für die Bürger. Ich kann jetzt auch noch 6,5 Jahre nur verwalten, aber wenn sich die Substanz der Stadt nicht bessert, sind Besitzstände in Frage gestellt. Wenn man mit weniger zufrieden ist, kann man auch weniger machen. Denn wenn wir keine Flächenperspektiven haben, bauen wir ab und das schadet nicht nur uns, sondern auch der Region.“ Metzger weiß, wovon er spricht: Bretten hat gegenwärtig Schwierigkeiten, große Firmen wie Deuerer in der Melanchthonstadt zu halten, weil kein Gelände mehr zur Verfügung steht.

Der Brettener Gemeinderat hat am kommenden Dienstag mit einem Grundsatzbeschluss die Weichen für ein neues Gewerbe- und Industriegebiet zu stellen. In diesem Zusammenhang versprach OB Metzger noch einmal nachdrücklich, die Bürger an der Entscheidung zu beteiligen.

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