Auf den Schienen vom Fabriktor in alle Welt

Nur noch vier Firmen nutzen Industriegleis
Stadt steckt viel Geld in diese Bahnanschlüsse
Von unserem Redaktionsmitglied Werner Schoger

Es ist schon ein gutes Menschenalter her, exakt 64 Jahre, daß der Schienenstrang des Industriegleises Bretten verlegt wurde. Und heute noch rollen die Waggons, vollbeladen mit Erzeugnissen aus den Betrieben übers Industriegleis auf das Netz der Bundesbahn und von dort in alle Welt. Doch die Zahl der Waggons ist recht bescheiden geworden: Ohne Brettens größten Arbeitgeber Neff wären es pro Jahr noch nicht einmal mehr einhundert Waggons, für die die Stadt das Industriegleis unterhalten muß. Dank Neff freilich rollten im Vorjahr noch 1507 Waggons über diesen städtischen Schienenstrang. Das waren am Tag fast vier Waggons.
Seit 1924 hat die Stadt Bretten wiederholt Verträge mit der Bahn wegen des Gleisanschlusses seiner ortsansässigen Industrie unterzeichnet. Im Frühjahr 1961 war der Schienenstrang gründlich überholt worden, und eineinhalb Jahre später hatte der Gleisstrang in der Pforzheimer Straße höher gelegt werden müssen. Weitere zwei Jahre später, 1965, wurde das Gleis erneut instandgesetzt und abgesenkt. 1972/ 73 stellte die Stadt für die Firma Glöckler einen Anschluß her und verlängerte das Hauptgleis bis zum Hochregallager von Neff.

Vor sieben Jahren erst mußte Bretten für eine neuerliche Instandsetzung des Industriegleises 224 000 Mark aufwenden. Und in diesem Jahr drohen der Stadt erneut hohe Investitionskosten, denn als Oberbürgermeister Paul Metzger den Brettener Industriegürtel vom Ruiter Tal bis zur Bahnhofsstraße neu ordnen wollte, da war plötzlich auch bei der Verlegung der Firma Elskamp das Industriegleis im Wege. Die Stadt suchte den Schienenstrang ganz an die Böschung der Bahn heranzulegen, zum Teil diesen Kunstbau mit dafür zu verwenden. Dies hätte zwar auch die Zustimmung der Bahn gefunden, doch die Stadt rund 300 000 Mark gekostet. „Vor einer solchen Investition bin ich doch zurückgeschreckt“, berichtet Paul Metzger, „zumal nur noch vier Firmen den Anschluß nutzen, darauf aber auch in den nächsten Jahren nicht verzichten wollen. “
So fand man jetzt eine neue Lösung: Man wird den Gleisstrang rechts von der Beuttenmüllerstraße enden lassen. Das hat den Vorteil, daß man auf der Zufahrt zum Krankenhaus nicht, zweimal Schienen überqueren muß. Die Zentralgenossenschaft wird freilich ihre Laderampe in den rückwärtigen Bereich des Betriebes verlegen müssen.

1982 war das Brettener Industriegleis am schlechtesten ausgelastet: Nur 480 Waggons wurden damals abgefertigt, die brachten 4800 Mark an Gebühren ein. Die Stadt war mit 27 479 Mark in den roten Zahlen. 1986 hatte sich die Lage gründlich geändert: 1565 Waggons wurden in Brettens Betrieben verladen; die Stadt nahm dafür 31 300 Mark ein und war nur noch mit knapp 5 000 Mark im Verlust.
Diese Bilanz kann sich freilich in den nächsten Jahren rasch ändern: Wird erst einmal ein Autobahnanschluß Pforzheim-Nord geöffnet, dann ist für die Brettener Firmen, auch für Neff, der Straßenanschluß günstiger geworden. Die Produktion kann dann aktuell verladen und verschickt werden, Lagerhaltungen werden auf ein Mindestmaß reduziert.
Da wird rasch Gras über das Gleis in Bretten wachsen. Im Gölshäuser Industriegebiet hat die Stadt mangels Interesse erst gar keinen Schienenstrang mehr verlegen lassen. Auf dem Platz, der dafür vorgesehen war, parken jetzt Autos.

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