Der tägliche Griff zur Flasche

Schüler streiten übers Trinken
„Saufen bis der Arzt kommt“: Über dieses Problem und damit verwandte Probleme haben gestern 200 Schüler bei „Baden-Württembergs größter Schülerpressekonferenz“ diskutiert. Einigkeit herrschte beim Thema Alkohol indes nicht.
Von Jan Georg Plavec
Oft regiert schon bei 14-Jährigen im Umgang mit Alkohol die reine Vernunft. „Das schmeckt mir nicht. Ich werde mich niemals so richtig ins Koma saufen“, erklärte Felix Grötsch aus Sindelfingen nach der knapp zweistündigen Schülerpressekonferenz im SI-Centrum. Hitradio Antenne 1 hatte dazu Experten wie Joachim Grimm von der Zentralen Ausnüchterungseinheit der Polizei Stuttgart und Renate Schepker, die in der Ravensburger Jugendpsychiatrie junge Süchtige betreut, eingeladen.

Sie und die übrigen Gäste auf dem Podium zeichneten ein düsteres Bild vom Umgang der Jugendlichen mit dem Alkohol: Die Hälfte aller 11- bis 15-Jährigen hatte bereits einen Vollrausch, jeder fünfte 14-Jährige trinkt wöchentlich. „Wenn wir jetzt nicht handeln, hat unser Land in zehn Jahren ein Alkoholproblem“, sagte Antenne-1-Redaktionsleiter Klaus Michler.

Die anwesenden Schülerzeitungs- oder Schulradioredakteure konnten das nur teilweise unterschreiben. „Ein, zwei Bier sind schon okay. Man muss ja nicht gleich davon kotzen“, fanden etwa Franziska Fritz und Jannis Böckle aus Bretten. Die beiden 15-Jährigen waren zum ersten Mal mit Anfang 14 aus; ein generelles Alkoholverbot für unter 18-Jährige, wie es gestern auf dem Podium diskutiert wurde, hat für sie kaum Aussicht auf Erfolg: „An Alkohol würden trotzdem alle rankommen. Im Supermarkt fragt uns jedenfalls kein Mensch nach dem Ausweis.“ Und das trotz Strafen von bis zu 15 000 Euro.

Marcel Finzer kennt das Problem von der anderen Seite her. Er jobbt in einem Getränkehandel und beobachtet, dass oft ältere Freunde vorgeschickt werden, um den „Stoff“ für die Jüngeren zu besorgen. Das Prinzip „Vorglühen und Nachtanken“ ist dem Mitarbeiter des Ebersbacher Schulradios und seinen Kumpels nur zu gut bekannt. „Man kriegt von Freunden schon Druck mitzutrinken, wird oft eingeladen“, beschreibt Malte Hinrichs den üblichen Gang der Dinge. Nicht jeder hält es dann so wie der 16-Jährige, der aufhört, „wenn ich merke, dass es mir schlechtgeht“. „Jeder hat seine Grenzen“, schiebt sein Kumpel Sören Brinkmann, ebenfalls 16, nach, „ich versuche, sie einzuhalten.“

Dass das nicht immer klappt, war gestern unausgesprochene Weisheit aus dem Abend- und Nachtleben der meisten Anwesenden. „Ihr trinkt nie was, richtig?“ fragte Suchttherapeutin Schepker in die Runde und wusste die Antwort bereits, obwohl viele der Anwesenden beteuerten, noch nie Alkohol probiert oder zumindest noch nie einen Vollrausch gehabt zu haben. So richtig glaubwürdig kam das nur bei einer 20-jährigen Schülerin aus Sindelfingen rüber, deren Vater Alkoholiker war und die echten Alkoholmissbrauch und seine Folgen „von allen Seiten mitbekommt“ – nämlich auch aus dem Freundeskreis oder vom Mitschüler, der vor jeder Klassenarbeit an der Schnapsflasche hängt.

Zwischen diesen beiden Konsumextremen bewegt sich die aktuelle Schülergeneration. Vielleicht hilft es auch hier, auf die etwas Älteren zu hören: „Die Erfahrung, wie viel Alkohol okay ist, muss jeder selbst machen“, erklärte der 19-jährige Ruwen Möhrle. Er hat kürzlich aufgehört zu rauchen – „aus der reinen Vernunft heraus. Und die muss eben auch beim Alkohol geweckt werden“.

22.02.2008 – aktualisiert: 22.02.2008 06:13 Uhr

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