Da köchelt noch was

Quelle: NRZ online

HINTERGRUND Das kriminelle System Koch

FINANZAFFÄRE KOCH / Stadt Bretten verklagt Bankhaus. Ausgang ist bedeutsam für Emmerich.

EMMERICH. „O pardon, sind Sie der Graf von Luxemburg“, trällerte Dorthe Kollo. Im Emmericher Rathaus findet man den Ohrwurm derzeit gar nicht lustig. Denn es ist nicht auszuschließen, dass der Bank-Platz Luxemburg die Stadt noch teuer zu stehen kommt. Und das hat mit Hans-Jürgen Koch zu tun. Dessen kriminelle Praktiken kennt man zur Genüge. Eine Klage der Schwarzwald-Gemeinde Grenzach-Wyhlen konnten die Emmericher im Oktober 2004 endgültig abschmettern. Nun droht neues Ungemach. Koch – die zweite?

Nach NRZ-Informationen stellt sich der neue Fall in groben Zügen so dar. Die Kreisstadt Bretten (bei Karlsruhe) hatte 1989 bei Koch Geld angelegt, der nannte den Brettenern eine besonders günstige luxemburgische Bank. Nun fordert Bretten vom Bankhaus Salomon Oppenheim Junior & Cie. 1,3 Mio. Euro zurück. Das Geld hatte Bretten bei der Openheim Pearson Int.-Bank angelegt, die inzwischen im Bankhaus Salomon aufgegangen ist.


Diese Geldanlage trage den Vermerk „Ablösung Kredit: Stadt Emmerich“, sagte Brettens Finanzbürgermeister Willi Leonhardt der NRZ. Bereits im Dezember 2003 hatte Bretten Klage in Luxemburg eingereicht, drei Termine wurden bislang verschoben. „Wir sind in der Rückabwicklung“, sagte Leonhardt. Sollte die Bank verlieren, will sie offenbar einen Prozess gegen Emmerich anstrengen. Im Emmericher Rathaus bleibt man gelassen, begab sich aber auf die Suche nach alten Unterlagen. Ergebnis: Emmerich habe nie ein Konto bei einer luxemburgischen Bank gehabt, so der Erste Beigeordnete Dr. Stefan Wachs auf Nachfrage. Er spricht von „heißer Luft“.

Nach NRZ-Recherchen hat Emmerich ausschließlich Darlehensverträge mit Koch selbst abgeschlossen und keine Unterschrift unter eine Abtretung von Forderungen durch Koch an Dritte, z.B. an Banken, geleistet.

Der mutmaßliche Millionenbetrüger Koch soll ca. 350 Kommunen in Milliardendeals verwickelt haben und dabei 31 Mio. Euro abgegriffen haben. In einem Gefängnis in Namibia erwartet er die Auslieferung nach Deutschland. Eigentlich ist die Vermittlung von Kassenkrediten zwischen Kommunen eine geniale Idee. Attraktiv wurde sie für Kommunen in der Hochzinsphase. Vereinfacht lief das so ab: Stadt A brauchte Geld, die Stadt B hatte etwas übrig. Beide wandten sich an den Geldmakler Hans-Jürgen Koch. Dessen Dienstleistung bestand im Vermitteln. Die Vertragspartner halfen sich nach dem Solidarprinzip gegenseitig. Der Vermittler bekam vom Kreditnehmer eine Provision. Zinsgünstig kamen die Kommunen so an dringend benötigte Geldmittel oder legten sie an. Oft reichte ein Anruf und Fax bei Kämmerern und Kassenleitern, schon flossen die Moneten. Viele Transaktionen verliefen zur vollsten Zufriedenheit der Beteiligten. Soweit, so gut. Bis Koch merkte, wie leicht es war, Geldzahlungen einzulösen. Die entstandenen Lücken in den kommunalen Haushalten deckte Koch mit immer neuen Krediten aus anderen Kommunen, die wurden mit neuen Krediten beglichen usw. – das klassische Schneeballsystem, um die Betrügereien zu vertuschen.

Koch rief kommunale Zahlungen auf das Konto dieser Kommunen als „Irrläufer“ auf sein Konto zurück oder gab Kommunen selbst Kredite, ließ diese aber von anderen Kommunen überweisen, während Tilgung und Zinsen auf sein Konto flossen.
Das kriminelle System flog auf, als Koch abtauchte und seine Finanzvermittlung keine neuen Kredite mehr hereinholen konnte, um Forderungen der anderen zu begleichen. Wie genau Koch es anstellte, dass rund 31 Millionen Euro aus öffentlichen Kassen in seine Tasche flossen, ist nicht geklärt.

Der Bundesgerichtshof entschied 2002, dass die Transaktionen rückabgewickelt werden müssen und geschädigte Kommunen Ansprüche erheben können. (nk)
NORBERT KOHNEN

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8 Antworten zu Da köchelt noch was

  1. ed./La. sagt:

    Da freut man sich – auch – in Bretten! 🙂

  2. Ils. St. sagt:

    Die Sache hat sich erledigt!

  3. Lis.-My. sagt:

    Möglich, dass die Sache in Vergessenheit geraten ist.

  4. Ils. St. sagt:

    Soll die Rückabwicklung etwa ausgesessen werden, Herr OB Metzger?

  5. ed./La. sagt:

    Die Brettener Bevölkerung wird total außen vor gelassen!

  6. Berth.-Arg. sagt:

    Was sagt aktuell der Brettener Gemeinderat zum Stand der Rückabwicklung?

  7. Rich.S. sagt:

    Entschuldigung Herr Leonhardt: Wie lange noch?

  8. S. sagt:

    „Wir sind in der Rückabwicklung“, sagte Leonhardt.

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