Der ehrenwerte Bürger und die Leiharbeiter

bak_logoein frei erfundenes Beispiel?
von Matthias Menzel
Das Kraichgaustädtchen Bretten mag sich in den letzten 50 Jahren flächenmäßig wesentlich vergrößert haben, auch die Einwohnerzahl ist auf gut 12000 (Kernstadt) angewachsen, geblieben (vielleicht auch „zurückgeblieben“) ist die der Bevölkerung eigene dörflerisch begrenzte Sicht auf die Umwelt und die Mitmenschen. Deshalb wird auch ein ehrenwerten Bürger, wie der im Folgenden Beschriebene, ein hohes Ansehen genießen, hat er es doch zu etwas gebracht.
Denn wer Geld hat, dem wird „flattiert“, dem zeigt man sich unterwürfig, als ob derjenige dem Buckler etwas von seinem Reichtum abgäbe. Wie er diesen Wohlstand erreicht hat, spielt eine immer geringere Rolle, dies gilt auch für sein Ansehen bei den „Stadtoberen“, oder die sich dafür halten, zahlt er doch (vielleicht) entsprechend seinem Einkommen hohe Steuern und Abgaben.
Aber was hat es mit dem genannten ehrenwerten Bürger auf sich? Was macht sein Beispiel erwähnenswert unter all den rechtschaffenen Bürgern Bretten’s?

Als positive Eigenschaft könnte man sicherlich seine Zielstrebigkeit und Durchsetzungsvermögen nennen, hat er sich doch bis zum Vorstand eines mittelständigen Unternehmens in Bretten „hochgearbeitet“. Das allein trüge ihm im Städtchen bereits Anerkennung und das entsprechend devote Verhalten seiner Mitbürger/Innen ein, doch das scheint ihm nicht genug.

Er sieht seine Chance gekommen, als auch in seinem Betrieb die Senkung der Personalkosten als einziges Mittel der Firmen-Sanierung und Gewinnsteigerung und zu diesem Zweck ein derzeit salonfähig gewordenes Mittel in Erwägung gezogen wird: Leiharbeiter statt fest angestellte Arbeitskräfte. Da ihm Skrupel gegenüber seinen Mitmenschen völlig fremd sind, ist der Plan zügig durchgeführt und statt Mitarbeitern aus dem Städtchen, arbeiten jetzt Leiharbeiter aus Polen für seine Firma.

Die arbeiten für einen Bruchteil des Lohn’s wie die deutschen Kollegen, machen keinen Ärger, sind nicht gewerkschaftlich organisiert, falls es doch Probleme geben sollte, genügt ein Anruf bei der Leiharbeitsfirma und am nächsten Tag steht eine neuer „Kowalski“ am Fließband.
Bis hierher wäre die Geschichte nicht erwähnenswert, wird ähnliches doch in Bretten auch beim „größten Steuerzahler“, der Firma Deuerer, ebenso wie in ganz Deutschland, immer häufiger praktiziert.

Doch der ehrenwerte Bürger hat nicht nur die billige Arbeitskraft der Leiharbeiter in seinem Fokus, auch deren Leben nach der Arbeit interessiert ihn zunehmend mehr. Denn wohnen müssen die Arbeits-Sklaven schon irgendwo, selbst eine Wohnung suchen ist ihnen unmöglich, schon wegen der Sprachbarriere und welcher Brettener würde einem „Polacken“ denn eine Wohnung vermieten? Dem Geschäftsmann kommt eine Idee: man könnte den armen Menschen doch „helfen“ und ihnen eine Unterkunft anbieten?

Gesagt getan, der „Ehrenwerte“ ist ein Mann der Tat, ein altes heruntergekommenes Gemäuer in Bretten ist schnell gefunden und gekauft. Ab jetzt wohnen, wo vorher vier bis fünf Deutsche wohnten, 20! polnische Leiharbeiter. Die gute Tat läßt sich der geschäftstüchtige Bürger allerdings gut bezahlen: 350 Euro pro Kopf werden dem „Mieter“ gleich von seiner Lohnabrechnung durch die Leiharbeitsfirma abgezogen. Eine echte Win-Win Situation für den Arbeitgeber und privaten Immobilienbesitzer!
Anzumerken bleibt noch, dass die Arbeitsstelle und der Mietvertrag gekoppelt sind, verliert der Arbeiter die Anstellung, weil er vielleicht Rechte eingefordert hat, verliert er auch seinen Platz im „Wohnheim“ und muss nach Hause zurück.

Aber der Erfindungsreichtum des ehrenwerten Bürger’s, wenn es um die eigenen Bereicherung geht, ist so schnell noch nicht erschöpft: es muss für Nachschub gesorgt werden, die Kasse klingeln und was es in seiner auf Selbstbereicherung fokussierten Welt sonst noch für Umschreibungen für das Abzocken von Mitmenschen geben sollte. Ein kleiner Laden für gebrauchtes, ist die nächste Unternehmung, die er natürlich nicht unter seinem Namen tätigt, es muss ja nicht jeder wissen, mit was man nebenbei noch ein paar Euro macht…
Der Hintergedanke beim „Lädle“ zielt dabei weniger auf Verkauf, als auf die Vermittlung von (Leih-)Arbeitsstellen, denn wer gebrauchtes kauft hat wenig Geld und sucht vielleicht Arbeit, Wohnung??

Wer jetzt denkt, dass es Gesetze gäbe, die ein solches „Geschäftsmodell“ verhindern, der irrt. Im Gegenteil, der „Ehrenwerte“ wird von Justitia geschützt, er geniest das Recht auf Anonymität, sein Name darf öffentlich nicht genannt werden. Zahlt er brav seine Steuern, profitieren auch Staat und Gemeinde, was die Motivation gegen ihn vorzugehen doch sehr dämpft. Ganz anders die Situation der Leiharbeiter, die werden abgezockt auf der ganzen Linie, haben praktisch keine Rechte, weder als Arbeitnehmer noch als Mieter. Wer doch aufmuckt verliert am gleichen Tag Arbeit und Unterkunft.

Das oben Beschriebene blieb mit Sicherheit auch der Stadtverwaltung Bretten nicht verborgen, aber die hat ein peinliches Problem, das ihr verbietet hier „regulierend einzuwirken“: die stadteigene Wohnungsbau GmbH war (oder ist immer noch?) bei der Vermietung von Wohnraum an Leiharbeiter beteiligt! Was also tun? Wo der ehrenwerte Bürger inzwischen doch vermögend und sicher auch einflußreich ist, wo er einem Unternehmen vorsteht, das Gewerbesteuern zahlt? Wenn man sich dem Vorwurf aussetzen könnte, dass man bei der Abzockerei der Leiharbeiter auch kräftig mitmischt?
Die Lösung dafür bietet ein universelles Instrument, das sich „Nicht-Öffentlichkeit“ nennt. Mit diesem von OB Wolff seit Beginn seiner Amtszeit exzessiv eingesetzten Verfahren kann jedes Thema (siehe auch Moschee-Bau) aus der öffentlichen Diskussion, bzw. aus öffentlichen Gemeinderatssitzungen, herausgehalten werden und für große Teile der Bevölkerung ist es ein willkommenes Argument, „nichts wissen zu müssen“.

Und genau diese Mischung aus behördlicher Heimlichtuerei und der „Egaligkeit“ weiter Teile der Bevölkerung erlaubt unserem „ehrenwerten Bürger“ weiter seine Geschäfte zu betreiben und wir alle dürfen ihn weiterhin unterwürfig grüßen und bewundern, denn wir wissen ja von nichts…

Dazu noch das passende Zitat von Walter Ludin, Schweizer Journalist, Redakteur, Aphoristiker und Buchautor:

Der brave Bürger bürgt dafür, dass alles so weitergeht,
wie es nicht weitergehen kann.

Die Themen dieses Tages in einem anderen Jahr :

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6 Antworten zu Der ehrenwerte Bürger und die Leiharbeiter

  1. johbec sagt:

    Hallo,

    dem Autor Dieses Beitrages kann ich nur zustimmen und ihm
    mein Kompliment aussprechen für die indi-/direkte Fakten – Schilderung des Sachverhaltes. Es ist schon traurig, daß der
    gemeine Bürger in Bretten soviel Geduld mit sooo..viel auf – legalisierter Sklaven – Vermögens – Vermehrung eines nicht – gemeinen Bürgers hat. Eines steht für mich inzwischen aber
    auch fest, daß er kaum sich mit den nachfolgenden Begriffen
    identifizieren würde und wird und welche da sind:

    Alters-/Armut-Arbeitslosigkeit-Hartz 4-Grundsicherung+Demo

    Was den letzten Begriff anbelangt, kann ich jedoch kaum nachvollziehen, weßhalb Dieser wohl der schwierigste zu sein scheint, wo doch eigentlich nur ein bischen Mut sich selbst gegenüber – man nennt dies ganz einfach den eigenen inneren Schweinehund überwinden – notwendig ist für eine notwendige Sache einzutreten, von welcher man zwar nicht bedroht ist, jedoch es einem jederzeit auch treffen kann.

    Daher möchte ich aus aktuellem Anlaß auf einen Kommentar
    zum Thema:

    Zum Beschluß des Bundesverfassungsgerichts Karlsruhe betreffend die Grundsicherung zur Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums vom 30.09.2014

    verweisen, welcher gerade freigeschaltet wurde und aus welchem ich … sehr gekürtzt … zitieren möchte:

    … Somit dürfte die Anwendung der bereits ermittelten und bekannten statistischen Verbrauchswerte des Jahres 2013 welche im Übrigen auch als Grundlage für die Berechnung der Grundsicherungs – Beträge zu Grunde zu legen und auch anzuwenden sind, eigentlich keinen Aufschub dulden. …

    … Hierzu passt nachfolgender Trauriger- und leider auch realistische Nachtragsbeitrag zu obigem Thema – da aktueller den je – … … Offensichtlich ist der Hintergrund auch den Brettener Bürgern zu wenig bewußt wie mir scheint, … … Schade eigentlich, denn es kann ganz schnell Jeden treffen in der heutigen global agierenden Welt, also auch in Bretten. …

    … Unter dem Titel:

    Arm trotz Arbeit – Über 400.000 Erwerbstätige sparen am Heizen – nachzulesen unter der url:
    http://www.t-online.de/wirtschaft/id_72625944/3-1-millionen-erwerbstaetige-in-deutschland-unter-der-armutsschwelle.html – vom 24.01.2015, 11:54 Uhr | AFP, dpa – Über drei Millionen können von ihrer Arbeit nicht leben und müssen sparen – auch beim Heizen. (Quelle: Paul von Stroheim/imago) …

    … Dort ist u.A. folgendes – teilweise zitiert – zu lesen:

    … Immer mehr Erwerbstätige können laut Statistischem Bundesamt kaum von ihrem Einkommen leben. Ende 2013 bezogen rund 3,1 Millionen Erwerbstätige ein Einkommen unterhalb der Armutsschwelle. Das waren 25 Prozent mehr als im Jahr 2008, als diese Zahl noch bei rund 2,5 Millionen lag, wie die „Saarbrücker Zeitung“ unter Berufung auf eine Sonderauswertung der Statistiker berichtete. …

    … Wohngeld reicht nicht … …. Hartz 4/Grundsicherung …
    … die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Ulrike Mascher, der „Saarbrücker Zeitung“. Für viele dieser Haushalte sei offenkundig das Wohngeld unzureichend, um einigermaßen über die Runden zu kommen. …

    Fazit:
    Liebe Bretter-/BAK – Leser/Bürger ist daß nicht ein etwas starker Tobak? werden Sie fragen, ich aber sage Ihnen, nein
    auch Dass muß ein ehrenwerter Brettener Bürger aushalten,
    will er das nicht oder verweigert er sich weiterhin, so läuft er Gefahr über sich selbst zu stolpern, da ihm die Orientierung abhanden kommen könnte oder gar schon gekommen ist.

    Auch der sogenannte gemeine Bürger kann sich auf Dauer diesem Thema nicht verschließen. Euer Johbec

  2. rb sagt:

    @ Blogleser am 8. Dezember, 2014

    Wir – Arbeitnehmer – mehren nicht nur den Profit von Unternehmen, sondern auch den des Steuer-Staates. Dieser kassiert zweimal:

    1. bei den Arbeitgebern = Unternehmenssteuern (u. a. Gewerbesteuern)
    2. bei den Arbeitnehmern = Lohn- und Einkommensteuern

    Aktuell höchst bedenklich, weil trotz Rekord-Steuereinnahmen DER SOLI und DIE KALTE PROGRESSION weiterhin existieren und sogar beibehalten werden sollen!

    Kommt die Pkw-Maut noch hinzu, dann haben wir es mit drei Steuer- bzw. Abgabenmärchen zu tun, welche uns so die SCHWARZE NULL im Bundeshaushalt 2015 bescheren und sichern helfen! 🙂

    PS: Deutsche arbeiten das halbe Jahr nur für den Staat! 🙁

  3. Blogleser sagt:

    Wie der gewaltsame „Allmende-Raub“ den Kapitalismus beflügelte – und wie wir dadurch wurden, was wir heute sind: Lohnarbeiter, die den Profit von Unternehmen mehren
    http://www.heise.de/tp/artikel/43/43293/1.html

  4. cactus sagt:

    @blogleser
    heute freut sich der Dorfköter über ein Döschen;bzw das Tierasyl über ein medienwirksam überreichtes Päckchen

  5. -nz- sagt:

    Die Antwort auf eine der vielen Ungerechtigkeiten ist in einer Zusammenfassung in dem Buch von

    Daniel Prinz
    „Wenn das die Deutschen wüssten… dann hätten wir morgen eine (R)evolution!“

    http://www.kopp-verlag.de/%22Wenn-das-die-Deutschen-wuessten…-dann-haetten-wir-morgen-eine-%28R%29evolution%21%22.htm?websale8=kopp-verlag&pi=121181&ci=000339

    enthalten.

    Zitat aus einer Zusammenfassung:

    „Als Erstes schaffen wir die Rechtsformen von Handelsgesellschaften ab, und jeder wird sein eigener Unternehmer, sein eigener Chef sozusagen. Die starren pyramidalen Hierarchien von Eigentümern, Angestellten und Arbeitern lösen sich in Folge auf.“

    Siehe auch

    „Zitate
    BAK 14. November, 2014“

  6. Blogleser sagt:

    die Frage die noch fehlt ist: ist dieser ehrenwerte Bürger die Ehre wert?
    Früher wurden solche Menschen sozial isoliert, nicht einmal der Dorfköter hätte sie mehr angebellt, heute werden sie hofiert.

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