Trio hilft Jugendlichem gegen halbstarke Schläger

Prügelei im Bahnhof / Augenzeugen greifen ein
Gruppe wollte Opfer auf Gleis zerren
Von unserem Redaktionsmitglied Joachim Schultz
Bretten. Die nächtliche Prügelei im Brettener Bahnhof, die eine 20-Jährige vor ihren Augen miterlebte, geht ihr noch Tage danach unter die Haut. Die Aufregung legt sich zwar langsam, doch eine Frage bleibt für die junge Frau: Warum fehlte anderen Augenzeugen die Zivilcourage, um einem Jugendlichen zu helfen, der von einer zehnköpfigen Gruppe Halbstarker geschlagen wurde und fast auf das Gleis geschleppt worden wäre? Erst das beherzte Eingreifen von zwei Freunden der 20-Jährigen verhinderte vermutlich Schlimmeres. Die Polizei traf einige Minuten nach der Keilerei im Bahnhof ein. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Angreifer schon aus dem Staub gemacht, und das Opfer war ebenfalls verschwunden. „Vermutlich trug der junge Mann eine Platzwunde von der Schlägerei davon“, schildert die 20-Jährige.

Die junge Brettenerin wirkt nachdenklich, als sie zu erzählen beginnt. Angst vor den Schlägern? „Ja, deswegen möchte ich nicht meinen Namen in der Zeitung lesen“, sagt sie. Aber die Geschichte soll öffentlich werden, daran ist ihr gelegen. Um 22 Uhr kamen die 20-Jährige und ihre zwei Freunde mit der S4 aus Karlsruhe in Bretten an. Am Gleis eins hielt die Straßenbahn. „Schon beim Aussteigen hörte man lautes Geschrei. In 20 Meter Entfernung hatten sich einige Jugendliche, alle so um die 18 Jahre alt, einen Gleichaltrigen vorgeknöpft. Alle schlugen unablässig auf das Opfer ein. Dann packten die Halbstarken den Jugendlichen, um ihn auf das Gleis zu zerren.“ Alles sei sehr schnell gegangen.

Als der Streit nun zu eskalieren drohte, griffen die drei Freunde ein. Einer mischte sich ein und blieb bei dem Opfer, ein anderer rief die Polizei an. „Als die Schläger mitbekamen, dass wir mit der Polizei sprachen, ließen sie von ihrem Opfer ab und verzogen sich in die noch wartende Stadtbahn nach Heilbronn.“ Etwa zehn Minuten stand die Stadtbahn im Bahnhof, um die Bahn aus Heilbronn nach Karlsruhe vorbeizulassen. „Die ganze Zeit sahen Menschen in der Stadtbahn teilnahmslos zu, was auf dem Bahnsteig ablief, aber niemand stand auf und half. Aus dem Bahnhofsgebäude kam ein Mann in Dienstuniform und lief wortlos an der Gruppe vorbei.“

Die jungen Schläger fuhren dann mit der Stadtbahn in Richtung Heilbronn ab. Einige Minuten habe man anschließend auf die Polizei gewartet, dann sei man gegangen, so die 20-Jährige. Später meldete sich das Brettener Revier bei den drei Freunden. Nach dem Gespräch schien für uns, dass für die Polizei die Sache erledigt sei, fügt sie hinzu.
Inzwischen waren Polizisten von auswärts am Bahnhof eingetroffen, wo sich jedoch niemand mehr aufhielt. „Kurz nach 22 Uhr wurde ein beim Führungs- und Lagezentrum der Polizei in Karlsruhe eingegangener Notruf an das Brettener Revier weitergegeben. Doch die Beamten waren ausgelastet. Nach dem Wintereinbruch herrschte ein Chaos auf den Straßen. Unfälle mussten aufgenommen und deshalb der Engelsberg in Bretten gesperrt werden. Von einem anderen Revier wurden darum Beamte angefordert. Das kostete eben alles Zeit“, begründet Revierleiter Rolf Hilpp die verstrichene Zeit zwischen Notrufeingang und der Präsenz von Polizisten am Bahnhof.

Trotz des jüngsten Ereignisses am Bahnhof sieht Hilpp keinen Anlass zur Sorge. „Es ist natürlich zur Nachtzeit wegen des Publikumsverkehrs und der vielen unterschiedlicher Gruppen, die sich dort aufhalten, ein neuralgischer Punkt. Aber der Bahnhof hat sich deswegen noch lange nicht zu einem kriminellen Schwerpunkt in Bretten entwickelt.“ Wichtig sei es, bei Auswüchsen, wie es die drei Freunde beispielsweise erlebten, immer die Polizei zu rufen und mit ihr in Kontakt zu bleiben.
Zeugen sollten den Tathergang genau beobachten und sich den Täter einprägen, um ihn später gut beschreiben zu können. „Zivilcourage ist in Ordnung, aber man sollte sich nicht selbst in Gefahr bringen. Es erwartet niemand ein Einschreiten“, betont Hilpp.

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