Leserbrief : Keine „heilere Welt“ an Gymnasien und Realschulen

Zu „Wir pflegen den Bestand und bauen Schulden ab“ (BNN vom 11. Februar):
Ich war überrascht zu lesen, dass Stadträte, Amtsleiter und die Verwaltungsspitze als Ergebnis ihrer Etat-Klausur den Wunsch von Realschule und Gymnasien nach Schulsozialarbeitern klar abgelehnt haben. Dies werde es in Bretten nur für Grund-Haupt- und Förderschulen geben. Am 25. April 2008 konnte man bei der Einweihungsfeier der Beruflichen Schulen Bretten ganz andere Worte vom Oberbürgermeister vernehmen: Metzger betonte damals die Bedeutung der Schulen für die Wirtschaftskraft der Melanchthonstadt.

Nun kristallisieren sich mit der Verweigerung von Schulsozialarbeitern an Brettener Gymnasien und der Realschule zwei markante Eindrücke über die Schulpolitik in unserer Bildungsstadt heraus: Zum einen erhält das negative Klischee der Hauptschulen kräftig Nahrung, völlig konträr zur gut gemeinten Offensive des Kultusministers, die Hauptschulen aufzuwerten: Es entsteht so der völlig falsche Eindruck, in Bretten hätten nur die Hauptschulen einen Sozialarbeiter nötig.

Zum anderen könnte man meinen, an Gymnasien und Realschulen herrsche eine „heilere“ Welt als an den Hauptschulen. Wer das glaubt, lebt an den Tatsachen vorbei. Entweder wachsen viele Kinder mit nur einem Elternteil auf, oder beide Elternteile müssen arbeiten gehen. Wichtige Erziehungsaufgaben gehen so automatisch in den Schulkosmos über, dessen soziale Konstellation durch familiäre Vereinsamung und mediale Reizüberflutung immer unüberschaubarer und konflikthaltiger wird.

Die Früchte dieser unguten Entwicklung zeichnen sich schulartenübergreifend ab: Erfolgsdruck, Cyber-Mobbing, Vandalismus, psychische und physische Gewalt, gipfelnd in Amokläufen. Das ist keine Schwarzmalerei. Hier ist die Stadt gefordert, den Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schulen nachhaltig zu unterstützen. Schulsozialarbeit setzt nämlich da an, wo der Lehr- und Erziehungsauftrag eines Pädagogen an die Grenzen kommt. Unser Bildungssystem wird in Zukunft nur noch funktionieren können, wenn die vielen Herausforderungen der gesellschaftlichen Veränderungen, mit denen unsere Schüler zurecht- kommen müssen, in den Schulen wahr- und ernst genommen werden.

Dies ist aber nur durch zusätzliche Fachkräfte gewährleistet. Wenn uns unsere Jugend etwas Wert ist, dann müssen wir an den richtigen Stellen investieren. Ich finde, das gehört auch zu einer „nachhaltigen Bestandspflege“. Wenn man aber mit der einen Hand Sozialarbeiter abwehrt und mit der anderen mehr Polizisten aufgrund von „Defiziten in der Sicherheit“ fordert, dann ist klar, warum sich in Bretten vieles im „Kreisel“ dreht.

Bernd Neuschl Am Zollstock 1/1 Bretten

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