Verblichener Glanz

Akademischer Glanz strahlte vor zehn Jahren von der anderen Seite der Erdkugel ins kleine Bretten: Eine angesehene australische Universität hatte das Städtchen im Kraichgau auserkoren, ihr Statthalter in Europa zu sein. Mächtig stolz waren die Brettener damals, Magnifizenzen, Professoren und Doktoren aus Übersee als Partner zu haben und in ihrer Stadt beherbergen zu dürfen. „Die University“ war als Gesprächsthema allgegenwärtig, und einige träumten schon sehr konkret von einem Universitätscampus in der Melanchthonstadt, mit Hörsälen, Seminarräumen und Studentenwohnheimen.
Dazu ist es nie gekommen. Das „European Study Center“ etablierte sich als Vermittlungsstelle zwischen der University of Southern Queensland und ihren (Fern-)Studenten – von denen freilich die allerwenigsten aus Bretten und Umgebung kamen. Jedes Jahr noch ein Mal blitzte der akademische Glanz kurz auf, wenn im Melanchthonhaus die Diplome und Abschlusszeugnisse feierlich überreicht wurden. Gut 200 Studenten haben bisher ihren Abschluss über das Brettener Zentrum gemacht, fünf mit dem Doktortitel.

Doch die Zahl jener, die sich in Bretten einschrieben, um in Australien einen Bachelor, Master oder Doktor zu erwerben, ging seit Jahren zurück. Mittlerweile hatten die deutschen Hochschulen aufgeholt und boten vergleichbare Abschlüsse. Überdies verschlechterte sich das Klima zwischen Bretten und der USQ. Bei den Australiern wurden die Freunde aus den Anfangstagen durch neue Köpfe ersetzt, für die der Kontakt zu Deutschland keine besondere Bedeutung hatte. Bretten begann, mit anderen Universitäten in Australien und Südostasien Gespräche über eine Zusammenarbeit zu führen. Das Projekt USQ stand auf der Kippe.

Ganz eingestellt, wie mancher gefordert hatte, wurde es dann doch nicht. Jetzt ist „die University“ eine Abteilung der örtlichen Volkshochschule geworden. Das sichert dieser wenigstens regelmäßige Einnahmen aus den Semestergebühren der aktuell noch 150 von ihr betreuten Studenten. Damit kann die VHS andere Angebote subventionieren.
Akademischer Glanz geht vom „European Study Center“ jetzt aber eher nicht mehr aus. Da fügt es sich ganz gut, dass man vor zehn Jahren in Bretten der Verlockung widerstand, ähnlich wie in der Nachbarstadt Bruchsal das Attribut „Universitätsstadt“ aufs Ortsschild zu schreiben.

Rudolf Baier

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10 Antworten zu Verblichener Glanz

  1. -Hü- sagt:

    Hat hier jemals was geglänzt?

  2. b.z. sagt:

    Ist anzunehmen!

  3. mm sagt:

    war doch sicher ein Mediziner, oder ?

  4. Proll sagt:

    und wieder passt das Zitat eines Brettener Gemeinderates, zwar nicht vornehm, aber wie die Faust aufs Auge : Aus einem kleinen Arsch, kommt kein großer Furz !

  5. wf sagt:

    Die Brettener Universitäts-Vision ging den Bach runter.
    Sie erfüllte keinesfalls große Hoffnungen. Und mit ihr war zu keiner Zeit ein großes Vorhaben verwirklicht.

  6. ak sagt:

    Mir ist ein weiteres Zitat bekannt, was ebenso zutrifft.

    Wer keine Visionen hat, vermag weder große Hoffnungen zu erfüllen, noch große Vorhaben zu verwirklichen. Woodrow Wilson

  7. J/N sagt:

    Auf die geistigen Väter und Initiatoren – wer das auch immer gewesen sein mag – passt ein bekanntes Zitat.

    Wer Visionen hat, sollte lieber gleich zum Arzt gehen. (Altbundeskanzler Helmut Schmidt)

  8. Lis.-My. sagt:

    Jahrelange Visionen wurden abrupt einem Ende zugeführt. Schade drum.
    Selbstverständlich in einer nicht öffentlichen Sitzung!

  9. Z-/-A sagt:

    „Paul Metzger“-Universität Bretten ad acta!

  10. OS-T sagt:

    …“von denen freilich die allerwenigsten aus Bretten und Umgebung kamen.“
    Zehn Jahre lang wurde Steuer-Geld in ein Objekt gesteckt, von dem die Brettener Bevölkerung nicht den geringsten Nutzen hatte.

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