Oettinger will Gymnasium reformieren

Regierungschef: Die Schüler haben kaum noch Freizeit
Von unserem Mitarbeiter Henning Otte
Stuttgart/Fellbach. Nach jahrelangen Klagen von Eltern über zu hohe Belastungen für Schüler am achtjährigen Gymnasium will Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) Abhilfe schaffen. Die Schüler sollten künftig zu Hause keine Aufgaben mehr machen müssen. „Wir müssen die Hausaufgaben umfassend in den Schulablauf integrieren“, sagte Oettinger in Fellbach. Die Union plane eine umfassende Reform des in den meisten Ländern eingeführten achtjährigen Gymnasiums (G8). „Ich würde eine gewisse Entrümpelung der Schulpläne vorschlagen.“ Um Zeit für die Aufgaben am Nachmittag in der Schule zu gewinnen, müssten zum Beispiel Stunden in Chemie, Physik oder Biologie gestrichen werden.
Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz der Länder (KMK), Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), unterstützt Oettinger bei der Überprüfung der Lehrpläne. „Aus meiner Sicht müssen wir da ran“, sagte die saarländische Bildungsministerin. Oettingers Forderung, Hausaufgaben in den Schulablauf zu integrieren, müsse sorgfältig geprüft werden. Kritisch beurteilt die KMK-Präsidentin den Vorschlag Oettingers, etwa Stunden in Chemie, Physik oder Biologie zu streichen.

Die Fraktionen der mitregierenden FDP, der oppositionellen SPD und der Grünen sowie Lehrer- und Elternverbände im Südwesten sprachen von einer überfälligen Erkenntnis Oettingers in Sachen G8. Viel Kritik gab es auch hier für den Vorschlag, bei den klassischen Naturwissenschaften Stunden zu streichen. FDP-Fraktionschef Ulrich Noll sagte beim Politischen Aschermittwoch seiner Partei in Karlsruhe (siehe gesonderten Beitrag), es sei unsinnig gewesen, bei G8 „einfach ein Jahr zu streichen, ohne die Lehrpläne zu entrümpeln“. G8 war in Baden-Württemberg zum Schuljahr 2004/05 flächendeckend eingeführt worden. Kultusminister Helmut Rau (CDU) wies den Vorwurf zurück.

Aber auch Oettinger sieht das anders als Rau. Bei der Verkürzung der Schulzeit von neun auf acht Jahre sei kein Lehrstoff „herausgeflogen“. Die Gymnasiasten seien zumeist bis 16 Uhr in der Schule, so dass kaum mehr Zeit für Jugendarbeit, Sport und Familie bleibe. „G8 heißt, dass das Gymnasium faktisch zu einer Ganztagsschule wird.“ Rau kündigte Runde Tische an, an denen über die Aufgaben in der Schule beraten werden soll.

Ein Vorstoß für eine Reform läuft nach Oettingers Worten bereits in der KMK. Die Union habe unter anderem dazu eine Arbeitsgruppe gebildet, in der auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) vertreten sei. Er hält es für möglich, dass die Reform bereits zum Schuljahr 2009/2010 in Kraft tritt. „Das wird höchste Zeit“, sagte FDP-Fraktionschef Noll in Karlsruhe. Rau habe mit einer „bockelharten Blockade“ alle Vorschläge der FDP in diese Richtung abgewehrt. Fraktionschef Claus Schmiedel von der SPD kritisierte: „Wieder einmal doktert Oettinger nur an Symptomen herum.“ Wer Schüler entlasten wolle, müsse „echte Ganztagsschulen“ schaffen. Grünen-Fraktionsvize Theresia Bauer kritisierte: „Oettinger ist mitverantwortlich dafür, dass G8 in Baden-Württemberg überhastet, planlos und auf dem Rücken von Eltern und Kindern eingeführt wurde.“

Auch der Landeselternbeirat sieht in Ganztagsschulen die einzige Antwort auf alle Schwierigkeiten mit G8. Es müsse verhindert werden, dass „Eltern zu Nachhilfelehrern degradiert werden oder mit teurem Nachhilfeunterricht ihre Kinder durch die Schule schleusen müssen“, sagte Vize Sylvia Wiegert. Der Landesschülerbeirat begrüßte eine Verlagerung der Hausaufgaben in die Schule. Eine Kürzung des naturwissenschaftlichen Unterrichts sei aber nicht nachvollziehbar. Auch der Philologenverband wies dies zurück: „Da werden wir nie mitmachen“, sagte Landeschef Karl-Heinz Wurster. Die Lehrergewerkschaft GEW nannte Oettingers Vorschlag „völlig absurd“.

Dieser Beitrag wurde unter Sonstiges abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

15 Kommentare zu Oettinger will Gymnasium reformieren

  1. Gust./Fo. sagt:

    Die deutsche Schule weiß viel, nur von Kindern weiß sie wenig.

  2. K-DV sagt:

    Beim jetzigen Stand der Schulreform können die Lehrer nur den Schaden begrenzen, den missglückte Bildungsreformen anrichten, statt sich auf ihre Kernaufgabe Unterricht zu konzentrieren.

  3. ber.-sch. sagt:

    Warum muss aktuell die Hälfte aller Gymnasiasten nachmittags Nachhilfe nehmen?

    Vielleicht kommentiert einmal ein Lehrer meine Frage.

  4. fr. ga. sagt:

    Als Halbtagsschule geht das G8 vollkommen an der Wirklichkeit in Deutschland vorbei.
    Die Schulzeitverkürzung – ohne Umstellung auf Ganztagsbetrieb -benachteiligt auch die Kinder von berufstätigen Eltern, weil den Eltern eben aus Zeitmangel eine ausreichende Unterstützung ihrer Kinder nicht möglich ist.

  5. Arth. Br. sagt:

    Nach den Sommerferien haben alle Bundesländer das achtjährige Gymnasium (G8) eingeführt.
    Dann steht den Schülern Lernen im Akkord bevor.

  6. rt sagt:

    Die Dilettanten, wenn sie das Möglichste getan haben, pflegen zu ihrer Entschuldigung zu sagen, die Arbeit sei noch nicht fertig.
    Johann Wolfgang von Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre

  7. wf sagt:

    Die Ergebnisse der Schulreform werden so unqualifiziert sein wie die der schädlichen Arbeitsmarktreformen der Agenda 2010.

  8. Z.K. sagt:

    Abhilfe schaffen kann die Ganztagsschule, weil der Lernstoff entzerrt wird.
    Gerade einmal drei Prozent aller Gymnasien haben einen Ganztagsbetrieb mit Nachmittagsunterricht.

  9. -wilh. sagt:

    Bis Ende 2008 werden die Bundesländer die Schulzeit an Gymnasien auf acht Jahre verkürzt haben.
    Das bedeutet rund 34 Unterrichtsstunden wöchentlich, dazu noch Hausaufgaben. Toll!

  10. T/U sagt:

    Wobei zuallererst nach einfachem Strickmuster Personal entlassen wird!

  11. Qua. sagt:

    Und überall – auch bei uns – bemühen sich die betroffenen schlauen Bankmanager (Fachidioten) der (Bank-)Geschäfswelt redlich um Schadensbegrenzung.

  12. uwe sagt:

    Die fragwürdige Finanzwelt ist uns in Form der weltweiten Bankenkrise – natürlich auch in Deutschland, sogar im Musterländle Baden-Württemberg – bestens bekannt geworden.

  13. zyw. sagt:

    Sehr fraglich ist, ob die Schülerinnen und Schüler weiterhin pauken, so dass der Eindruck entsteht, es sollen nur schlaue Fachidioten hervorgebracht werden zum alleinigen Zweck der Fütterung einer fragwürdigen Industrie-, Geschäfts- und Arbeitswelt.

  14. ak sagt:

    G8 führt zu einer Überforderung der meisten Schüler (und Lehrer). Diese Lehrer werden die überhöhten Vorgaben von neuen Lehrplänen nicht erfüllen können. Lernstoff muss daher in die nächsthöhere Klasse verschoben werden.
    Für ein Studium wirkt sich das sehr schlecht aus. Die Hochschulen müssen sich dann mit Abiturienten begnügen, deren Hochschulreife nur auf dem Papier ihrer Abiturzeugnisse steht.

  15. hellsinki sagt:

    klasse! haben die politiker-schlafmützen also auch schon bemerkt, dass das g8 grütze ist…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert