„Hauptschulen waren schon immer Versuchskaninchen“

Jöhlinger Rektor Wolfgang Bohmüller schließt sich dem Protest von Kollegen gegen dreigliedriges Schulsystem an
Von unserer Mitarbeiterin Katja Stieb
Walzbachtal-Jöhlingen. In einem offenen Brief haben sich kürzlich Schulleiter aus dem Raum Ravensburg an den baden-württembergischen Kultusminister Helmut Rau gewandt und ihn aufgefordert, das dreigliedrige Schulsystem abzuschaffen und stattdessen ein integratives System zu etablieren.
In ungewohnter Deutlichkeit stellten die Pädagogen das dreigliedrige Schulsystem in Frage. Breite Unterstützung von Schulleitern und Lehrern aus ganz Baden-Württemberg für eine überfällige Reform waren die Folge. Auch im Brettener Umland finden sich Verfechter dieser Forderung, die eine komplette Umgestaltung des gesamten Schulsystems nötig machen würde. Dazu gehören Wolfgang Bohmüller, Leiter der Grund- und Hauptschule Jöhlingen, und seine Kollegen Horst Schlemmer, Leiter der Turmbergschule Weingarten, und Waldemar Skrobanek, Rektor der Grund- und Hauptschule Berghausen.

„Es war längst überfällig, dass sich jemand mit dieser Vehemenz zu Wort meldet und auf die Missstände aufmerksam macht, mit denen die Hauptschulen leben müssen“, sagen die drei Schulleiter übereinstimmend. „Wir erinnern uns gut an ein angenehmes Gespräch Anfang der neunziger Jahre mit der damaligen Kultusministerin Annette Schavan, in dem wir ihr unsere Sorgen mitteilten. Von den Versprechungen, die damals gegeben wurden, ist bis heute nicht eine eingehalten worden.“

Die Probleme von damals seien größtenteils auch noch die von heute: „Auf den Schultern der Hauptschulen liegt eine riesige Last. Wir müssen seit Jahren als Versuchskaninchen für die Experimente des Kultusministeriums herhalten“, berichten die drei Schulleiter Bohmüller, Schlemmer und Skrobanek übereinstimmend.
„Die Hauptschulen werden von der Gesellschaft als Restschule wahrgenommen“, sagt Bohmüller. „In den Augen vieler Leute lernen hier die hoffnungslosen Fälle. Wir alle haben Situationen erlebt, in denen uns auf schockierende Art und Weise vor Augen geführt wurde, dass unsere Schüler als Menschen zweiter Klasse betrachtet werden.“ In den Augen der Schulleiter ist es von der Politik versäumt worden, der Hauptschule ein konkretes Profil zu geben. „Man hätte von Anfang an eine enge Kooperation mit den Berufsschulen etablieren müssen, um eine Verzahnung von Schulbildung und Ausbildung zu erreichen“, bemängeln die Schulleiter. „Als die Werkrealschulen eingeführt wurden, war das schon ein verzweifelter, erfolgloser Rettungsversuch. Die Hauptschulen hatten ihre Fahrt in die Isolation, hin zum Image der Zulieferschule für Realschulen und Gymnasien bereits angetreten.“

Nun werde den Hauptschulen erneut ein „Fitness-Programm“ verschrieben. Eine weitere Genesungspille, die wirkungslos bleiben wird, sind sich die Schulleiter sicher. „Wir sollen nun wieder an allen Ecken und Enden im Detail reformieren, umdenken, Neues ausprobieren“, sagen sie.
„Man hat im Kultusministerium noch nicht begriffen, dass man seit Jahren nur noch reagiert und nicht agiert. Es fehlt der Mut zu einer rigorosen Reform des ganzen Systems hin zu einer sozialeren Variante, die Kinder fordert, fördert und auf Integration fußt.“

Die Abkehr vom dreigliedrigen System sei hier der erste zwingende Schritt. „In nur wenigen Ländern gibt es in der vierten Klasse einen so extremen Schnitt wie bei uns in Baden-Württemberg, ganz zu Schweigen vom Ausland, wo man mit Erfolg andere Systeme praktiziert“, sagt Schlemmer.
„Während bei uns die Kinder in der ersten und zweiten Klasse noch Schonfrist haben, um sich in diesem Korridor ohne Leistungsdruck entwickeln und auf einen gemeinsamen Stand kommen können, wird 18 Monte später die Grundschulempfehlung ausgesprochen und über das Schicksal der Mädchen und Jungen bestimmt. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem die Kleinen sich der Tragweite dieser Entscheidung überhaupt nicht bewusst sind und oft gar kein Mitspracherecht haben.“

Deshalb sei die Etablierung von Standortschulen mit großem Platzangebot eine gute Möglichkeit, um künftig die Klassen eins bis sieben miteinander lernen zu lassen. „Danach kann dann die Spezifizierung erfolgen, entweder die bisherige, dreigliedrige Variante, oder eine Doppelschiene, bei der man sich für eine berufsorientierte Ausbildung oder den Erwerb der Studierfähigkeit entscheiden kann“, sagt Bohmüller.

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4 Antworten zu „Hauptschulen waren schon immer Versuchskaninchen“

  1. Chr.Z. sagt:

    Ich frage, warum es die Hauptschullehrer überhaupt und weshalb erst jetzt merken, nachdem es bereits fünf nach zwölf ist.

  2. Proll sagt:

    Hej Alder, haste keine Anung! Schule is doch geil odder? Musse nix lernen, imma nur chillen und cool drauf sein. Soll so bleiben, odder ej, man!?

  3. mm sagt:

    Ein Problem von vielen in der Hauptschule, scheinen mir die Eltern zu sein. Sie hätten durch genügend Einmischung die Möglichkeit, Druck auf die Schulleitungen und damit letztendlich auch auf die Ministerien auszuüben. Aber das erfordert, schon wieder einmal, Engagement und Courage, da geht man doch lieber in den XY-Verein oder schaut sich Fußball an. So verkommen die Schulen zu „Verwahranstalten“.

  4. -rl- sagt:

    „…und auf die Missstände aufmerksam macht, mit denen die Hauptschulen leben müssen“,
    Wie will man intelligente Kinder ausbilden, wenn schon die höchsten Stellen scheinbar nicht mehr wissen was zu tun ist?

    „Von den Versprechungen, die damals gegeben wurden, ist bis heute nicht eine eingehalten worden.“ Ein Versprechen einhalten, ist aber das Mindeste was man von einem Menschen verlangen kann.

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