Eine Sammelhaltestelle für ein einziges Kind

Eltern geistig behinderter Schüler beklagen die geänderten Bedingungen für den Schultransport im Landkreis
Von der Sammelstelle geht die Fahrt an der Haustüre vorbei
Von unserem Mitarbeiter Arndt Waidelich
Kreis Karlsruhe. Benjamin Hekele ist geistig behindert. Den Schulweg zur Eduard-Spranger-Schule in Bretten-Gölshausen kann der Junge mit Down-Syndrom nicht alleine bewältigen. Um viertel vor acht Uhr am Morgen wird er deshalb jeden Schultag von einem Taxi abgeholt.
Aber nicht mehr an der Haustür, wie dies im vergangenen Schuljahr noch der Fall war. Obwohl Benjamin das einzige Kind ist, das im Brettener Stadtteil Rinklingen abgeholt wird, fährt das Taxi nicht das Haus der Hekeles an. Mutter Eva muss ihren Sohn zu einer rund 220 Meter entfernten „Sammelstelle“ begleiten. Von dort aus fährt das Taxi später direkt am Haus der Hekeles vorbei zu Benjamins Schule. Diesen Umstand empfindet Eva Hekele als Schikane des Landratsamtes, das für den Transport ihres Sohnes verantwortlich ist. Erfolglos habe sie darum gebeten, die „Sammelstelle“ zu verlegen, was ihrem Sohn den Weg und ihr selbst sehr viel Wartezeit ersparen würde.
Den Vorwurf der Schikane weist Bernhard Böser zurück. Durch eine ungünstige Verkehrsregelung vor dem Haus der Hekeles könne die vereinbarte Tour nicht am Wohnhaus vorbeiführen, so der Leiter des Amtes für Schulen und Kultur im Landratsamt. Wo es möglich sei, werde anders verfahren.
Eva Hekele ist aber nicht die einzige, die Klage über eine Praxis führt, die Eltern seit diesem Schuljahr dazu zwingt, ihre geistig behinderten Kindern an Sammelstellen zu bringen. An allen vier Schulen des Landkreises formiert sich Widerstand. Elternbeiräte der Karl-Berberich-Schule in Bruchsal, der Hardtwaldschule in Karlsruhe-Neureut, der Gartenschule in Ettlingen und der Eduard-Spranger-Schule empören sich darüber, dass selbst ärztliche Atteste vom Landratsamt nicht akzeptiert würden. Atteste, die bescheinigen, dass die Kinder nicht selbstständig zu den Sammelstellen gehen können.
Das Gesundheitsamt prüfe die Atteste, erläutert dazu Bernhard Böser, habe sich aber noch nicht geäußert. So lange müsse an den Sammelhaltepunkten festgehalten werden. Das Landratsamt werde aber auf eine rasche Entscheidung drängen. Bis dahin sei eine Entfernung von unter 100 bis etwa 200 Meter zum Haltepunkt nicht unzumutbar.
Sigrid Gebhard, Elternbeiratsvorsitzende der Spranger-Schule, sieht dies anders. In einem Schreiben hat sie das Landratsamt darauf hingewiesen, „dass unsere Kinder aufgrund ihrer geistigen Behinderung nicht allein zur Sammelstelle gehen können.“ Die Eltern seien also immer eingebunden. „Das bedeutet: vier mal am Tag zur Sammelstelle gehen und vier mal Warten“, erklärt Sigrid Pickardt, Elternbeiratsvorsitzende der Gartenschule Ettlingen. Eine Mutter habe in Langensteinbach schon mehrfach 40 Minuten auf das Taxi warten müssen.
Selbst ein Entgegenkommen der Taxifahrer, die die Kinder ohne Aufpreis an der Haustür abgeholt hätten, schlug das Landratsamt aus, berichten die Elternvertreterinnen. Das bestätigt Böser. Der Landkreis habe mit den Unternehmern Vereinbarungen, die Sammelhaltestellen vorsehen. Die Kinder von zu Hause abzuholen entspreche „nicht unseren Verträgen.“
Geld spiele bei dieser Entscheidung keine Rolle. Das Anfahren der Sammelstellen spare am Etat von rund 2,5 bis drei Millionen Euro für Sonderschultouren nichts ein. Die Sammelhaltestellen optimierten lediglich die Touren und verkürzten die Fahrzeit.
Alle Versuche, das Landratsamt umzustimmen, verliefen bisher im Sand. Deshalb haben sich die Elternbeiräte jetzt mit Dagmar Elsenbusch-Costerousse, Sprecherin der SPD im Sozialausschuss des Kreistages, und Anette Sorg, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen, getroffen. Elsenbusch war entsetzt über die Auswirkungen einer Entscheidung, der sie selbst zugestimmt hatte. Sie sei sich der Tragweite dieses Beschlusses nicht bewusst gewesen, da die Kreisverwaltung unzureichend informiert hätte.
Sie werde sich dafür einsetzen, die Gruppe der geistig behinderten Sonderschüler der der Körperbehinderten gleichzustellen, die weiter zu Hause abgeholt werden.

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