Ökopartei will auch Atombrennstäbe aus Obrigheim abziehen

Abgeordnete empfehlen Transport nach Philippsburg – „Ein Standort weniger im Land“ – Zwischenlager hat noch Reserven
STUTTGART. Obrigheim soll nach dem Willen der Grünen im Landtag vollständig „atomfrei“ werden. Dazu sollen ausgediente Brennelemente von dort nach Philippsburg verlagert werden. Die notwendigen Atomtransporte seien das „kleinere Übel“.

Von Andreas Müller
Im vergangenen Jahr ist das Kernkraftwerk Obrigheim (Neckar-Odenwald-Kreis) infolge des Atomausstiegs abgeschaltet worden. Doch ein Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente besteht weiterhin: 342 Stäbe liegen im Innern des Reaktorgebäudes im so genannten Nasslager. Im Zuge des Rückbaus der Anlage muss auch das Nasslager aufgelöst und durch ein neues Zwischenlager ersetzt werden. Nach Darstellung des Grünen-Landtagsabgeordneten Franz Untersteller plant der Betreiber, der Stromkonzern EnBW, eine billigere Lösung als in Neckarwestheim oder Philippsburg: Für 15 Castorbehälter mit den Brennstäben seien „Betonumhausungen“ geplant, die weniger Sicherheit böten als die Bauten an den anderen Kraftwerksstandorten. Die Genehmigung stehe noch aus.

Untersteller und mehrere Grünen-Abgeordnete, darunter auch Fraktionschef Winfried Kretschmann, machen sich nun überraschend für eine Alternativlösung stark: In Obrigheim solle auf den Bau eines neuen Zwischenlagers verzichtet werden. Stattdessen sollten die Castorbehälter nach Philippsburg gebracht werden. Im dortigen, gerade erst eröffneten Zwischenlager gebe es mehr Kapazitäten als für die Laufzeit der beiden Reaktorblöcke benötigt. Diese Reserve würde durch den „Import“ aus Obrigheim zu einem Drittel ausgeschöpft. Der ehemalige Kraftwerkstandort werde so „kernbrennstofffrei“.

Der große Vorteil aus Sicht der Grünen: in Baden-Württemberg gebe es damit in naher Zukunft „einen Atomstandort weniger“. Dies sei gerade angesichts der Risiken eines Terroranschlags viel wert, sagte Untersteller. Als Nachteil müsse man in Kauf nehmen, dass voraussichtlich zwei Atomtransporte notwendig werden. Sie ließen sich per Bahn über Mosbach, Bruchsal und Bretten bewerkstelligen.

Für die Grünen ist der Vorschlag nicht ohne Brisanz. Bisher haben sie immer gegen Castortransporte protestiert, nun empfehlen sie selber welche. Aber dies sei „das kleinere Übel“, als in Obrigheim noch jahrzehntelang radioaktives Material zu lagern, argumentiert Untersteller. Die Atomkraftgegner in Obrigheim würden über einen Abzug der Brennelemente natürlich hoch zufrieden sein. Bei der Bürgerinitiative in Philippsburg dürften sich die Grünen dagegen schwerer tun, Unterstützung für ihren Plan zu finden. Begründen ließe sich das Ausweichen nach Philippsburg laut Untersteller, weil 2003 von dort Strommengen nach Obrigheim übertragen wurden.

In einem Antrag an die Landesregierung werben die Südwestgrünen nun für ihre Idee. Das Landesumweltministerium ist an der Genehmigung jedoch nur beteiligt, federführend wäre die Bundesanstalt für Strahlenschutz. Zunächst müsste wohl die EnBW einen entsprechenden Antrag stellen. Der Stromkonzern verwies auf Anfrage auf das beantragte Zwischenlager. Andere Pläne verfolge man derzeit aktiv nicht. Das heiße aber nicht, dass man die Vorschläge der Grünen nicht prüfen werde.

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