Belegschaft beugt sich freiwilligem Muss

Mit Zuckerbrot und Peitsche: warum im Brettener Rathaus alle schon jetzt länger arbeiten

In Bretten wird nicht gestreikt. In Bretten wird brav gearbeitet. Im Rathaus der badischen Kleinstadt gilt die 40-Stunden-Woche schon. Wer sich dazu nicht freiwillig verpflichtet hat, guckt in die Röhre, wenn die anderen frei kriegen.

Von Wieland Schmid
Paul Metzger ist mit sich und den Seinen zufrieden. „Bei uns ist die Welt in Ordnung“, beschreibt der Oberbürgermeister von Bretten im Kreis Karlsruhe stolz die Situation in dem 28 000 Einwohner zählenden Städtchen. Während in anderen Kommunen streikende Angehörige des öffentlichen Dienstes zur Verteidigung der 38,5 wöchentlichen Arbeitsstunden den Müll und anderes links liegen lassen, arbeiten die rund 270 Stadtbediensteten in Bretten schon seit Anfang Januar angeblich völlig freiwillig 40 Stunden. Aber viele ballen wütend die Fäuste in den Taschen, und ein paar Gewerkschaftsmitglieder wollen den Oberbürgermeister sogar verklagen, sobald der Streik im Land beendet ist.

Vor 43 Jahren ist Paul Metzger als junger Verwaltungsbeamter in die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) eingetreten, und deshalb kann er sich heute als das vermutlich „älteste Verdi-Mitglied in Bretten“ bezeichnen. Andererseits verhandelt das 60-jährige Stadtoberhaupt als Vorsitzender des Gruppenausschusses Verwaltung des Kommunalen Arbeitgeberverbands derzeit hart mit den streikwilligen Gewerkschaftern und vertritt die Interessen der Städte, Gemeinden und Stadtkreise. Der seit 1986 amtierende Rathauschef hält diesen Spagat aus. Den kommunalen Arbeitern und Angestellten hat der Oberbürgermeister schon Ende vergangenen Jahres bei einer Belegschaftsversammlung deutlich gemacht, woher der Wind weht. Entweder arbeiteten die Leute freiwillig und ohne finanziellen Ausgleich länger, oder sie müssen sich auf weitere Privatisierungen gefasst machen.

Das Ergebnis hat den Boss regelrecht begeistert. Alle Personalräte haben sich ebenso wie alle Lehrlinge schriftlich zur Mehrarbeit verpflichtet, bis höheren Ortes ein neuer Tarifvertrag ausgehandelt ist. Von den übrigen verweigerten höchstens 20 Unbeugsame die Unterschrift. Auch der Gemeinderat stimmte zu. „Das ist ein Solidaritätsbeitrag“, rühmt Metzger die Bereitschaft, unentgeltlich Freizeit und Arbeitskraft dem Gedeihen des Gemeinwesens zu opfern.

Im Gegenzug hat der OB versprochen, dass er nicht mehr mit dem Ausscheren aus dem Arbeitgeberverband drohen und nach der Müllabfuhr vorerst keine weiteren Privatisierungen vornehmen will. Außerdem sollen die Auszubildenden nach der Lehre nicht wie bisher fortgeschickt, sondern wenigstens noch ein halbes Jahr beschäftigt werden.

Über das Zuckerbrot freuen sich jetzt alle. Die Peitsche haben seit Januar nur die paar der Widerborstigen zu spüren bekommen. Denjenigen, die nicht unterzeichnet hatten, strich Metzger den bis dato am Geburtstag üblichen halben freien Tag. Wenn ganz Bretten im Juni das Peter-und-Paul-Fest feiert, müssen die Verweigerer ebenfalls auf den halben freien Tag verzichten, den die Verwaltung trotz drückenden Geldmangels den Gehorsamen schenkt.

Brettens Stadtdiener sind offiziell alle dankbar, dass sie mit freiwilliger Mehrarbeit ihre Jobs verteidigen dürfen. Aber hinter vorgehaltener Hand spricht mancher von „der Angst vor einer schwarzen Liste“, die ihn zur Mehrarbeit getrieben habe. „Es gärt“, sagt einer, der seinen Namen nicht genannt haben will. „Die Stimmung ist ganz mies.“ Viele hätten nur aus Angst um ihren Arbeitsplatz und nach Einzelgesprächen unterschrieben. „Der OB hat uns zugesichert, dass keine Arbeitsplätze gestrichen werden. Aber wenn jemand in Rente geht, wird er nicht ersetzt.“

Mancher wundert sich, warum jetzt plötzlich Geld für die Übernahme von Azubis da ist. Manche bereuen die Unterschrift, aber: „Es war wegen der Drohungen mit der Streichung von Freiwilligkeitsleistungen und der Privatisierung der Jobs ein freiwilliges Muss.“ Und für die Widerständler steht fest: „Wenn der OB die Streichungen nicht zurücknimmt, wird er verklagt.“

Aktualisiert: 27.02.2006, 06:14 Uhr

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2 Antworten zu Belegschaft beugt sich freiwilligem Muss

  1. Jak. sagt:

    Und die Gemeinderatsmitglieder scheren sich nach wie vor nicht um die berechtigten Belange der Rathausmitarbeiter.

  2. mm sagt:

    Die Wahrheit über den Arbeitgeber Paul Metzger. Autoritärer Führungsstil und Erpressung in der „Oase des Glücks“. (siehe dazu Artikel aus der Propaganda-Abteilung des Rathauses Bretten, erschienen u.a. in der Heilbronner Stimme der Bietigheimer Zeitung, sowie der Südwest-Presse)
    Aber nicht nur die Angestellten im Rathaus können davon ein Lied singen, auch jeder Bürger der sich nicht dem Willen des Stadtoberhauptes beugen will, wird die Peitsche des Oberzuchtmeisters zu spüren bekommen.
    Doch es regt sich immer mehr Protest, bei den Angestellten im Rathaus, wie auch bei den Bürgern, vielleicht finden sich bald einige „Unbeugsame“ zusammen um dem Spuk ein Ende zu machen ?

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