Kameras in jedem Wagen

Videoüberwachung gegen Schlitzer und Sprayer
Mannheim meldet Rückgang der Schäden um fast 70 Prozent

Müll auf dem Boden und Schuhe auf den Sitzen sind heute schon fast Alltag in Straßenbahn und S-Bahn. Traurige Realität sind auch aufgeschlitzte Sitzbänke, zerkratzte Scheiben und Farbgeschmiere. Die Folgen der Zerstörungswut müssen für teures Geld beseitigt werden. LSW
Dieter Ludwig ärgert sich über zerschnittene Sitzbänke in der Stadtbahn und hässliche Graffiti auf den Waggons der Verkehrsbetriebe Karlsruhe (VBK). „Die Folgekosten wachsen uns langsam über den Kopf. Fast die Hälfte der Tariferhöhung geht nur für die Beseitigung von Vandalismusschäden weg“, sagt der VBK-Geschäftsführer. Knapp eine Million Euro musste sein
Unternehmen im vergangenen Jahr dafür ausgeben. Bei den Stuttgarter Straßenbahnen AG war es ungefähr dieselbe Schadenssumme.

„Nur“ 250 000 Euro musste die Rhein-Neckar-Verkehr (RNV) zuletzt ausgeben. Seit 1995 die Videoüberwachung eingeführt wurde, gingen die Schäden zurück – zwischen 1998 und 2004 um fast 70 Prozent. „In Karlsruhe haben wir jetzt die Notbremse gezogen“, sagt Ludwig. Der Bahn-Fuhrpark wird auch mit Videokameras ausgestattet. Bis zur Fußball-Weltmeisterschaft im Juni sollen die ersten zehn Straßen- und Stadtbahnzüge mit neuester Überwachungstechnik fahren.

Neben illegaler Graffiti setzt den Verkehrsbetrieben auch das „Scratching“ zu. Mit Schraubenziehern, Schlüsseln oder Nägeln werden dabei Namenskürzel in die Fensterscheiben geritzt. 2005 wurden in den Karlsruher Bahnen 400 zerkratzte Scheiben gezählt. Eine kostet bis zu 1800 Euro.

26 000 Anzeigen im Jahr
Auf nicht weniger als 50 Millionen Euro bezifferte die Bahn AG für 2004 ihr durch mutwillige Beschädigungen verursachtes bundesweites Schadensbudget. „Für das abgelaufene Jahr kann von einer ähnlichen Größenordnung ausgegangen werden. In Nahverkehr sind in einigen Regionen rund die Hälfte der Wagen beschmiert“, sagte ein Sprecher des DB-Regionalbüros Stuttgart. 26 000 Strafanzeigen gab es deswegen 2004 auf dem Bahnnetz. 10 000 bis 15 000 Euro kostet die Bahn AG eine Waggon-Neulackierung. „Da die Schmierereien oft nur mit aggressiven Chemikalien beseitigt werden können, sind die Lackierungen häufig schon nach zwei Behandlungen zerstört“, sagt ein Bahn-Fachmann. Für eine Volllackierung veranschlagt die Bahn sieben Arbeitstage. Allein für das Reinigen eines S-Bahn-Zugs benötigen zwei bis drei Fachkräfte einen ganzen
Tag.

Sicherheitsexperten sind sich einig, dass Videokameras kein Allheilmittel gegen kriminelle Energie und Vandalismus sind. Sie schrecken allerdings ab, wie das Beispiel Mannheim zeigt. Seit 1998 arbeitet in Mannheim auch eine Sonderermittlungsgruppe „Graffiti“ der Polizei. Nach Einschätzung der Fachleute handelt es sich bei den Tätern meistens um männliche Jugendliche. Aus Sicht des Psychologen Gerd Reimann gehören die Täter in der Schule oft zur Randgruppe. Mit ihren Aktionen wollten die
Teenager bei Altersgenossen Eindruck schinden. „Wenn sie dann merken, dass die Staatsmacht ohnmächtig ist, haben sie erst richtig Spaß“, sagt der Psychologe.

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