Goldstadt-Früchte nach Bretten

Offensives Standortmanagement der Melanchthonstadt zieht Unternehmen aus der Region ab – Schnelles Verwaltungshandeln gelobt

BRETTEN/PFORZHEIM. Während die Wirtschaftsförderung von Pforzheim mit Negativschlag- zeilen von sich reden macht, saugt der Wirtschaftsstandort Bretten immer mehr Unternehmen aus der Region ab.

Die Stadt Pforzheim hat sich im Oktober zum ersten Mal auf der Expo Real präsentiert. Die Veranstaltung in München ist eine der bedeutendsten Messen ihrer Art. Dort treffen Anbieter und Nutzer von Gewerbeimmobilien zusammen. Am Stand der Stadt Pforzheim gab es indessen ein Zusammentreffen der besonderen Art: Wirtschaftsförderer Ulrich Heckmann und Regionalverbandsdirektor Jens Kück gerieten aneinander. Grund: Heckmann war der Verteiler von Expo-Real-Freikarten, Karten, die wichtigen Menschen überreicht werden sollten. Kück sieht sich als solcher, bekam aber keine Freikarte.

Das Gezeter der beiden Kontrahenten und die Nachwehen schlugen sich in mehreren Zeitungen nieder. Auch eine Art, um öffentlichkeitswirksam für die Goldstadt zu wirken. Freilich nicht die richtige. Zumal, so wurde kürzlich im gemeinderätlichen Wirtschaftsförderungsausschuss deutlich, der Messe-Auftritt von Pforzheim auf der Expo Real ohnehin nicht zu den gelungenen Events der Goldstadt gehörte: „Schlecht vorbereitet…, konzeptionslos…, nicht ganz glücklich…“, hieß es im Ausschuss.

„Was gute Wirtschaftsförderung ist, das habe ich in Bretten kennen gelernt“, sagte ein Unternehmer, der sich schon vor einigen Jahren aus der Goldstadt verabschiedet und im Brettener Stadtteil Gölshausen niedergelassen hat. „Ich habe es nicht bereut.“ So wie ihm geht es einigen der umgesiedelten Unternehmen, wie eine PZ-Umfrage ergab. Die Begeisterung für die Melanchthon-Stadt war offenkundig. Firmen wie FBG-Freileitungsbau oder TMC Sensortechnik sind aus Pforzheim abgewandert, Schucker ist aus Königsbach übergesiedelt und Unidek aus Mühlacker – um nur einige zu nennen.

Wirtschaftsförderung bezeichnet Oberbürgermeister Paul Metzger als „Chefsache“. Entbürokratisierung ist für ihn kein Schlagwort, sondern reale Verwaltungsarbeit. Norbert Roller, Geschäftsführer der Woodhead Connectivity GmbH (vormals F.H. Vogel aus Remchingen), hat dies bei seinem Umzug von Remchingen erlebt: „Über die hohe Flexibilität und die rasche Bearbeitung von Anträgen der Stadt war ich sehr überrascht. Hätten andere auch so reagiert, als wir einen Standort gesucht haben, ich weiß nicht ob wir in Bretten gelandet wären“, sagte Roller.

Obwohl die Grundstückspreise in Bretten im Vergleich mit der Goldstadt sehr attraktiv erscheinen, war dies nie der erstgenannte Entscheidungspunkt für die befragten Unternehmer. Christine Kienhöfer, Chefin von Felss in Königsbach-Stein und Rotaform in Bretten, bestätigt dies: „Unternehmensanliegen in Bretten werden tatsächlich rasch und – soweit möglich – unbürokratisch angegangen.“ Vor allem hob sie hervor, dass „alle beteiligten und wichtigen Personen in Bretten ausgesprochen Wirtschafts-minded sind“, will sagen der Wirtschaft gegenüber aufgeschlossen.

Diese Erfahrung hat auch Hans-Joachim Müller gemacht: „Nach unserer ersten Anfrage ging in Bretten eine ganze Maschinerie in Gang“, erinnert sich der Drucker. Es gab Unterstützungs-Angebote der Kommune für eventuelle Finanzierungen sowie für Wohnraumsuche. Bei der Suche nach dem geeigneten Standort für die Druckerei „hat Uwe Reinhard alle Hebel in Bewegung gesetzt“, lobte Müller den Leiter der Wirtschaftsförderung, der sich lieber Ansiedlungsmanager nennt. Müller erinnert sich, „dass die Genehmigungen absolut unbürokratisch und im Eiltempo durchgezogen worden sind“. Motto in Bretten: „Wer heute kommt, kann morgen einziehen.“ Die Devise des Brettener Oberbürgermeisters: „Wenn Zeit Geld ist, dann haben wir als kommunale Dienstleister dafür zu sorgen, dass Investoren nicht Jahre und Monate warten müssen.“ Einen weiteren Pluspunkt nannte Christine Kienhöfer: „Grund für unseren Standortwechsel war 1998, dass kurzfristig großzügig dimensionierte und gut geschnittene Grundstücke zur Verfügung standen und die Stadt sich bereit erklärt hat, uns langfristig eine Option auf Nachbargrundstücke zu geben.“ Auch die Druckerei Müller kann bei Bedarf auf weitere Grundstücksfläche zugreifen – muss aber nicht.

Metzger sieht den Vorteil in der Melanchthon-Stadt so: „Entscheidend ist, dass wir als Stadt Grundstücke und Sanierungsobjekte aufkaufen und bei Bedarf sofort veräußern können. Das langwierige Feilschen mit mehreren privaten Grundstückseigentümern fällt bei uns weg. Unser Wettbewerbsvorteil ist die kurze Zeit zwischen erster Kontaktaufnahme und Realisierung.“ Bemerkenswert ist, dass unter den Brettener Standortinteressenten auch Zöglinge des Pforzheimer Innovationszentrums Innotec sind, ein Projekt der Wirtschaftsförderung der Stadt Pforzheim. Dessen Leiter Reiner Müller wird hohes Engagement und gute Arbeit attestiert. Die Goldstadt-Früchte indes will Bretten ernten.

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