Die „Jahrhundertchance“ für ein Dorf

In der Region Nordbaden bei Bretten könnte schon bald ein achtes Freilichtmuseum entstehen
Das soll sich aber von den bestehenden unterscheiden: Anders als bisher üblich, sollen nicht historische Gebäude an ihrem ursprünglichen Standort abgetragen und auf der „grünen Wiese“ wieder zusammengestellt werden. Ziel ist es vielmehr, einen real existierenden Ortskern zum Museum zu machen.
Experten des Badischen Landesmuseums in Karlsruhe haben inzwischen einen geeigneten Kandidaten entdeckt: Den Brettener Stadtteil Sprantal (Kreis Karlsruhe) haben sie in einer ersten Studie als museumsreif eingestuft. Nach dem Vorbild der französischen EcoMus|15soll der Großteil der bereits vorhandenen Häuser an der historisch interessanten Dorfstraße im Kraichgau bewohnt bleiben.

Weitere historische Gebäude könnten ergänzt werden. Einige Anwesen stünden den Besuchern komplett offen, andere wären nur teilweise oder von außen zu besichtigen. Enge Treppenhäuser, niedrige Decken oder Scheuern könnten dann ebenso zur Touristenattraktion werden wie Handwerker und Landwirte, die wie einst ihrer Arbeit nachgehen und vielleicht gar ihre Produkte unter das Volk bringen.

Ein Konzept, das in Deutschland bisher neu ist, aber mehrere Vorteile hätte: Der gewachsene Ortskern ist einerseits authentischer als eine neu zusammengestellte Museumswelt am Stadtrand. Andererseits wäre es auch deutlich günstiger, weil ein großer Teil der Strukturen bereits existiert und lediglich Geld für die Sanierung der Gebäude aufgebracht werden müsste.

„Die finanzielle Frage ist sehr wichtig, da das Land kaum mehr Geld als bisher für die Freilichtmuseen aufbringen wird und auch die Landkreise der Region nicht viel Geld aufbringen können“, glaubt Brettens Oberbürgermeister Paul Metzger (CDU), für den die Begeisterung der Experten des Landesmuseums für sein Dorf zwar unerwartet, aber sehr willkommen ist. Lange schon bereitet ihm der vom Zerfall bedrohte Ortskern Sorgen.

Viele Häuser stehen leer, junge Familien können sich kaum für die Wohnlage mit einer sehr schlechten Infrastruktur begeistern. Wolfram Metzger vom Landesmuseum schwärmt von den Wohnhäusern, Stallgebäuden und Scheunen, er lobt ein erhaltenes „Milchhäusle“, einen Tabakschuppen, eine Gaststätte, eine Viehwaage und die spätmittelalterliche Kirche.

Kurz: Er hält die 150 Meter lange Dorfstraße mit ihren Gebäuden und Einrichtungen aus dem 18., 19. und 20. Jahrhundert – darunter ein historisches Rathaus und eine selten gewordene gelbe Telefonzelle – als bestens geeignet für ein Freilichtmuseum, das das Leben auf dem Land in Nordbaden dokumentiert.

Doch noch ist längst nicht klar, ob und wann der Ort tatsächlich Museum wird. Weder ist der Standort geklärt, noch die endgültige Umsetzung entschieden. Wenn alles schief geht, könnte die Idee für das achte Freilichtmuseum wieder in der Schublade verschwinden. Dabei glauben die Experten, bis zu 300 000 Besucher im Jahr in das Dorf locken zu können.

Die Sprantaler jedenfalls sind bereit: Eine erste Befragung hat ergeben, dass sie sich gerne besichtigen lassen würden. „Das ist eine Jahrhundertchance“, sind sich fast alle Bewohner einig. „Wenn hier nicht bald etwas passiert, wird der Ortskern weiter zerfallen“ , so Metzger.

30.12.2002 00:20

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