Freie Flächen schwinden rasant

STUTTGART – Die Landschaftszerschneidung nimmt im Südwesten immer mehr zu. Die freie Fläche beträgt 40 Prozent weniger als 1930, haben Forscher festgestellt. Die Folge: Die Artenvielfalt bei Tieren und Pflanzen, aber auch die Erholungsräume für die Menschen schrumpfen.
Von unserem Redakteur Andreas Schanz

Baden-Württemberg ist nach Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein das am stärksten von Straßen, Bahnlinien, Kanälen, Siedlungs-und Industrieflächen zerschnittene Bundesland. Die Wissenschaftler der vom Land eingerichteten und in Stuttgart angesiedelten Akademie für Technikfolgenabschätzung ermittelten, dass es landesweit nur noch sechs Freiflä-chen mit mehr als 100 Quadratkilometern gibt – alle im Schwarzwald.
Diese Gebiete sind insgesamt 752 Quadratkilometer groß und machen gut zwei Prozent der Landesfläche aus. Zum Vergleich: 1930 gab es hier zu Lande noch elf derartige Freiflächen. In Nordrhein-Westfalen besteht inzwischen nur noch eine einzige. Im Südwesten gibt es größere unbebaute Gebiete (zwischen 26 und 64 Quadratkilometern) noch in der Rheinebene, im Schurwald, auf der Mittleren Alb und der Ostalb.

Aus der jetzt in einem Arbeitsbericht veröffentlichten Studie geht auch hervor, dass im Südwesten jeden Tag fast zehn Hektar überbaut werden. Das entspricht zwölf Fußballfefdern. Das überörtliche Straßennetz ist in den vergangenen 40 Jahren um 3600 Kilometer gewachsen. Am stärksten zugenommen hat die Zerschneidung, die als wichtigste negative Umwelteinwirkung eingeschätzt wird, zwischen 1977 und 1989. Seitdem geht es langsamer voran. In den vergangenen 70 Jahren herrschte die größte Bauwut in Ulm, der Stadt Karlsruhe und im Kreis Göppingen. Dort ist die durchschnittliche Freifläche um rund zwei Drittel geschrumpft. Die Folge: Vor allem kleine Säuger, Wild, Vögel, Amphibien und Reptilien werden verdrängt.
Kaum beeinträchtigt wurde der Nordschwarzwald, insbesondere die Kreise Freudenstadt und Rastatt. Fast gänzlich unberührt blieb die Adelegg, ein Bergland bei Isny im Allgäu. Dort habe sich deswegen eines von landesweit vier Rotwildbeständen behaupten können, erklärten die Forscher. Auch die Gämse sei dort noch verbreitet.
Die größte Zerschneidung haben die Stuttgarter Wissenschaftler in ihrer unmittelbaren Umgebung festgestellt. In der Landeshauptstadt beträgt die durchschnittliche Freifläche nur noch 1,6 Quadratkilometer. Der Wert schrumpft noch, wenn man die Verkehrsstärke auf den Straßen berücksichtigt. Durch Lärm und Abgase bilde sich etwa entlang der Autobahn A 8 zwischen Stuttgart und Pforzheim ein 1250 Meter breites „Störungsband“.
Stark zerschnitten sind auch das Hochrheintal und das Bodenseeufer. Am meisten naturnah geblieben ist der Ortenaukreis. Dort gibt es im Durchschnitt Flächen von fünf auf sechs Kilometern ohne Verkehrswege und Besiedlung. Die Forscher wiesen darauf hin, dass die Kluft zwischen den Sonntagsreden von Politikern und der tatsächlichen Entwicklung im Umweltschutz immer mehr wachse. Um die Landschaftszerschneidung zu stoppen, müssten bei der Ausweisung von Wohn- und Gewerbegebieten drastische Schritte ergriffen werden, wie die Einführung von Grenzwerten und eines Verschlechterungsverbotes.
Nachbesserungsmaßnahmen könnten aus dem Aufkommen der Mineralölsteuer finanziert werden.

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