Handel braucht Optimismus, Herzlichkeit und Profil

Eine wenig schmeichelhafte Meinung über Brettener „Wirtschaftspolitik“ und die Situation des Gewerbes
Analyse des Spezialisten für City-Marketing Christian Klotz / Jede Verkaufsfläche am Rand schwächt Altstadt
Von unserem Redaktionsmitglied Werner Schoger
„Bretten sieht aus wie Chemnitz am Tag nachdem die Russen abgezogen sind.“ Diese „Beschimpfung“ von Christian Klotz nahm ein stattliches Publikum aus Handel und Gemeinderat im Rathaussaal sogar mit Beifall auf. Die „europaweit anerkannte Kapazität für Wirtschaftsentwicklung“ aus Bad Reichenhall, von der Arbeitsgemeinschaft der Selbständigen (AdS) nach Bretten geholt, ließ es nicht an Deutlichkeit und Klarheit missen: Handel und Kommunalpolitik haben sich bei Brettener Fehlentwicklungen in die Hände gearbeitet. Beide müßten das Steuer herumreißen und für eine „Aufbruchstimmung“ sorgen, wenn die Lichter in Bretten nicht endgültig ausgehen sollen (siehe Kommentar „Der Watschenbaum“).

Im Mittelpunkt der Klotzschen Analyse der Einzelhandelssituation stand seine subjektive Bestandsaufnahme: Es fehlt an Farbe und Licht in der Stadt, die Straßen sind verschmutzt, die Fassaden zum Teil verlottert, die Leuchtanlagen brennen nicht oder stammen von „Anno Tobak“, die Auslagen der Geschäfte seien schlecht erhellt, Waren würden nicht geschickt präsentiert, die Wege von den Parkplätzen in die Fußgängerzone seien „einfach grausig“. Abfalleimer seien voll, Trafostationen beschmiert, Bäume stünden hinter „Löwenkäfigen“, die Spielpunkte für Kinder seien ärmlich, die „Möblierung“ der Innenstadt karg.

In diesen Mißständen sah Christian Klotz ebenso ein Indiz für schlechte „Moral“ im Brettener Handel, wie im „Lamentieren und Jammern“. Eine andere Einstellung müsse am Anfang des Erfolges stehen: Heimatliebe, Herzlichkeit, Optimismus, Kompetenz, Begeisterungsfähigkeit, und die Kunst, dem Kunden zu suggerieren „Ich mag dich“.

Von den 33 000 Quadratmetern Brettener Verkaufsfläche liegt nur ein Drittel in der Innenstadt – ein Indiz dafür, wie falsch sich die Stadt entwickelt hat – „seit Jahren“. Das Kaufkraftpotential der Brettener Bürger liege bei 260 Millionen Mark. 40 bis 50 Millionen flössen davon an andere Standorte ab (beispielsweise beim Möbelkauf). Den Umsatzzufluß aus dem Umland schätzte Christian Klotz auf nur 25 bis 26 Millionen Mark.

Damit müßten in Bretten vom Handel mindestens 246 Millionen Mark umgesetzt werden können, bei einer größeren Attraktivität aber sogar 320 Millionen Mark. Im Durchschnitt setzt der Handel in der Bundesrepublik pro Einwohner 10 000 Mark um, in der Brettener Innenstadt liege man bei 6 000 bis 7 500 Mark, dabei wäre aber ein Betrag von 13 000 bis 15 000 Mark „normal“. Die Umsatzzahl daraus errechnet sich für die Innenstadt mit höchstens 90 Millionen Mark.

Es fehlt in Bretten an Parkplätzen, die Verkehrsführung und der Denkmalschutz habe möglicherweise den Ausbau der Innenstadt als Einkaufsmagneten verhindert. „Was nützen schön sanierte Häuser in einer ausgestorbenen Stadt?“, provozierte der Experte die Stadträte. Nur wo Lärm und Krach ist, wird auch Geld verdient, lautete seine These.

Wenn sich Bretten anders entwickeln wolle, dann seien weitere Parkplätze nötig und weitere Verkaufsflächen (bis auf insgesamt 40 000 Quadratmeter), die dann aber in der Innenstadt. „Jeder Quadratmeter an der Peripherie schwächt die ,City‘ weiter“, warnte Klotz und zielte damit auf den Umbau des Möbelhauses und auf den geplanten Baumarkt auf der Diedelsheimer Höhe.

Die großen Firmen, die Supermärkte, müßten in die Innenstadt geholt werden. Die Kommunalpolitik müsse dafür sorgen, daß diese Flächen entstehen könnten. Überbauung des Sporgassenparkplatzes (über Stellplätzen), der Ausbau von Hinterhöfen, die Anlage von Passagen, eine aggressive Grundstückspolitik in der Innenstadt, um an Anwesen zu kommen, stünden am Anfang dieser Entwicklung. Die Stadt müsse alles tun, um Leute in die City zu locken, die Frequenz in der Altstadt zu erhöhen.

„In Ihrer Stadt kann derzeit kein Geld verdient werden“, behauptete Klotz. Er empfahl der Kommunalpolitik, einen „Topf“ mit zwei Millionen Mark einzurichten, Geld, das an Einzelhändler zu Investitionen an den Anwesen ausgegeben werden könne. Die dann zurückfließenden Mittel seien Jahr für Jahr für den gleichen Zweck auszuwerfen. Die Brettener Wirtschaftsverbände und die Stadt sollten außerdem jährlich 500 000 Mark zur Verfügung stellen, um „Marketing“ bestreiten zu können: 50 Prozent seien für Werbung in Medien gedacht, je 20 Prozent für die Kulturförderung und die Schulung, lediglich zehn Prozent für die Organisation.

Und der Händler und Vorsitzende der Handelskammer Oberbayern hatte noch ein weiteres bitteres Wort für seine Berufskollegen in Bretten: „Mittwoch nachmittag den Laden zusperren, ist tiefstes Mittelalter!“ Er empfahl Öffnungszeiten bis 18.30 Uhr (19 Uhr?), keine Mittagspause und vor allem freitags bis 20 Uhr öffnen. Samstags müßten die Geschäfte bis 14 Uhr, jeden ersten Samstag im Monat bis 16 Uhr und an den vier Adventssamstagen selbstverständlich bis 18 Uhr geöffnet sein.
Generell empfahl Christian Klotz den Brettener Händlern, „Profil“ zu gewinnen, alles anders zu machen als die Nachbarn, Menschen in die Stadt zu holen, kulant zu sein, Mitarbeiter zu motivieren, kulturelle Veranstaltungen (Straßentheater, Konzerte) auf offener Straße als Magneten einzusetzen. „In der Stadt muß Betrieb sein, es muß riechen, es muß Musik sein, sonst kommt ja keiner.“

Trotz einer kräftigen „Kopfwäsche“ durch den Reichenhaller Berufskollegen, wurde am Ende stürmisch applaudiert. Man fand sich gegenseitig so sympathisch, daß Christian Klotz seine Brettener Gesprächspartner zu einer Busfahrt nach Bad Reichenhall im Frühjahr einlud. Dort könne man alles „vor Ort studieren“. Man wandere dann außerdem auf seine Berghütte, man werde gemeinsam feiern und sogar nach Salzburg fahren.

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2 Antworten zu Handel braucht Optimismus, Herzlichkeit und Profil

  1. -el- sagt:

    „Wenn sich eine Stadt nicht verändert, vermodert sie: verändert sie sich zu sehr, wird sie heimatlos.“
    Sagt der Züricher Architekt Carl Fingerhuth.

    „Jeder Quadratmeter an der Peripherie schwächt die ,City’ weiter”, warnte Klotz…

    Als Heidelsheimer braucht man demnach in Bretten kein Heimatgefühl.

  2. mm sagt:

    Die Ohrfeige hat wohl bei Herrn Oberbürgermeister wenig gebracht : lustig hat er genau das Gegenteil der Empfehlungen durchgesetzt. Aber die Schäden die er der Innenstadt von Bretten zufügt, kosten ja auch nicht sein Geld. Sein Gehalt steigt unaufhörlich und endet in einer Spitzenpension. Wie es dann in Bretten aussieht, kann im sch..egal sein und so handelt er auch ?!

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