„Die Stadtbahn fahrt am Stau vorbei“

Bretten stand kopf bei Jungfernfahrt der zukunftsträchtigen Einrichtung
Von unserem Mitarbeiter Eckehard Uhlig
Vorteile neuer Mobilität gepriesen:
BRETTEN. Nun ist es geschafft, das mit Vorschußlorbeeren überschüttete Jahrhundertwerk: Pünktlich um 17 Uhr fährt der erste Zug der Stadtbahn Karlsruhe — Bretten in der Melanchthonstadt ein, wird überall am Streckenrand von winkenden Menschen begrüßt und revanchiert sich mit gellenden Pfiffen. In der Station „ Bretten-Mitte“, dem Prunkstück der Anlage, findet bei herrlichem „Kaiserwetter“ der im, ganz wörtlichen Sinne „Große Bahnhof“ statt und übertrifft alles, was Bretten in den letzten Jahren an Einweihungsfeierlichkeiten gesehen hat.

Beladen mit zahlreicher Prominenz passiert die Bahn bereits zehn Minuten zuvor, aus Karlsruhe kommend in Dürrenbüchig, die erste von insgesamt sieben Brettener Haltestellen. Hier erfreuen Kindergartenkinder mit ihren bunten Mützen, Liedern und einem lustigen Ringelreihen das festlich gestimmte Publikum. Im Bewußtsein des „großen Augenblicks“ besteigen die mit einem Omnibus herbeigeschafften Brettener Stadträte und Oberbürgermeister Paul Metzger in Dürrenbüchig die Bahn, gute Laune herrscht in den Prominentenabteilen. Dann wird mit großer Geste und Trillerpfeife die Fahrt Richtung Stadtmitte freigegeben.

Ausgelassene Stimmung
Gelöst und aufgekratzt gibt sich Brettens Stadtoberhaupt, Paul Metzger hat sein Sonntagslächeln aufgesetzt und strahlt wie Hans im Glück. Überall Händeschütteln und Schulterklopfen, selbst Umarmungen scheinen an diesem Tag angebracht. Im „Cockpit“ des Zuges drängeln sich Minister und Verkehrsdirektoren, Landräte, Oberbürgermeister und Abgeordnete. Sie führen sich wie Lausbuben auf, wozu sie sonst offenbar selten Gelegenheit haben. Die knallrote Schaffnermütze ist Lieblingsobjekt des ausgelassenen Treibens und geht reihum. Unter großem Hallo wird sie aufgesetzt, auch Minister Dr. Erwin Vetter ließ sich hinreißen. Verkehrsminister Hermann Schaufler führt die Regie und hantiert feixend mit der Kelle des Fahrdienstleiters.

Musik und Fahnenschmuck
Auf dem Bahnsteig „ Bretten-Mitte“ ist kein Durchkommen mehr, Menschenmengen haben jeden Quadratmeter in Beschlag genommen. In ihren farbenprächtigen Kostümen sind die historischen Landsknechtgruppen der Brettheimer Peter- und Paulsvereinigung aufgezogen und empfangen die Gäste mit Trommelwirbeln, Fanfaren und Paukenschlägen. Rasch verwandelt sich auch OB Metzger in einen mittelalterlichen Stadtschultheißen und hängt sich die wappengleißende Amtskette um; ein diensteifriges Faktotum hilft ihm dabei.

“ Vom Troß der „very important persons“ geleitet, schreitet das Stadtoberhaupt sodann die Freitreppe herab, zur Amtshandlung des Tages. Ein Band wird durchschnitten, Bahnhof und Bahn sind damit offiziell freigegeben. Unter den im Wind flatternden Fahnen intoniert die Stadtkapelle schmissige Marschmusik und übertönt noch Jubel und Lärm. Beim „Badener-Lied“ singen fast alle mit. Die modern und funktioneil gestaltete Architektur des, Bahnhofsgebäudes, der glasüberdachte Bahnsteig und der großzügige, beidseitige Aufgang, geben eine imposante Kulisse ab, auch wenn das Drumherum, der Vorplatz, noch nicht ganz fertig geworden ist. Tradition und Zukunftsgestaltung gehen in diesen Augenblicken problemlos einher.

Nahverkehrsmodell mit Zukunft
Am Rednerpult finden sich schließlich die Festredner ein, griffige Parolen wie „Richtung Bretten – Richtung Zukunft“ oder das eingängige „Die Stadtbahn fährt am Stau vorbei“ machen die Runde. OB Metzger schwärmt im Anblick der gelb-roten Stadtbahnwagen von den „Vorteilen der neuen Mobilität“, spricht von Umweltschutz und Zeitersparnis. Fünfundzwanzig Millionen Mark habe seine Stadt investiert — Strukturmaßnahmen im Umfeld freilich eingerechnet. Später fügt Landrat Dr. Bernhard Ditteney noch die vom Kreis Karlsruhe beigesteuerten elf Millionen hinzu, „weitere 1,6 Millionen Mark fließen“, so der Landkreischef, „in das von Omnibuslinien bediente Zubringernetz“.

Immerhin sprechen die Fakten, wie sie vom Karlsruher Oberbürgermeister Professor Seiler oder vom Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bundesund Reichsbahn, Heinz Dürr, in Bretten erläutert werden, für eine günstige Zukunftsprognose. Täglich mindestens neunundzwanzigmal fahren die Stadtbahnzüge in nur 37 Minuten „von City zu City“. Die technisch revolutionären „Zweisystem : Fahrzeuge“, die in Sekundenschnelle von Wechselstrom, wie er auf den benutzten Bundesbahnstrecken erforderlich ist, auf den Gleichstrombetrieb der innerstädtischen Straßenbahnen umschalten können, haben das Konzept dieser Stadtbahn, das jetzt schon bundesweit als Nahverkehrsmodell der Zukunft gilt, erst möglich gemacht.

Stadtbahnticket statt Führerschein
Angesichts dieser Zahlen, aber auch wegen der benötigten Betriebszuschüsse, hören die Väter der City- Bahn eine öffentliche Zusicherung von Dr. Hermann Schaufler mit Wohlgefallen: Das Land Baden- Württemberg sei bereit, verkündet der zuständige Minister, „finanziell etwas zu tun, daß hier zukunftsorientiert gefahren werden kann“. Auch seine abschließende Aufforderung – „Leute, laßt das Auto zu Hause, ein Stadtbahnticket ist besser als der Führerschein!“ – findet breite Zustimmung. Am Festwochenende, wo die Bahn umsonst benutzt werden darf, wird dem rein gar nichts entgegenstehen.

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