Brettener Herrenhosen künftig aus Portugal

Herbert Brunnert verlagert Produktion ins Ausland
50 Prozent billiger / 40 Arbeitsplätze verloren
Von unserem Redaktionsmitglied Karl-Wilhelm R. Buchenau
Bretten. Ungebrochener Einfuhrdruck sowie hohe Lohn- und Produktionskosten fordern ih­ren Tribut. Der Blick auf den bevorstehenden europäischen Binnenmarkt beschleunigt Ent­wicklungen, die schon seit einiger Zeit im Raum stehen. Ein typisches Beispiel dafür ist jetzt die Herbert Brunnert GmbH & Co. KG (Bretten): Die Firma stellt seit über 50 Jahren Herrenho­sen der mittleren Preisklasse her und sieht sich jetzt gezwungen, die eigene Produktion zum 30. April aufzugeben. Davon werden 40 Mitarbeiter betroffen, während die Produktion an Lohnhersteller in Portugal und in der Türkei vergeben wird.

Vor 14 Monaten war Brunnert erst im Zuge ­des „Brettener-Industriekarussells“ aus der In­nenstadt in das neue Industriegebiet Gölshau­sen, verlegt worden. Dort nutzt das Unternehmen von der Brettener Kommunalbau gemietete Räume.
„Wir bedauern diese unvorhersehbare,­ vom Markt erzwungene Entwicklung“, heißt es im Hause Brunnert.

Die seitherige Mischkalkulation reicht bei der aktuellen Preisgestaltung für eine kosten­deckende deutsche Produktion nicht mehr aus“, äußerte Alleingeschäftsführer Michael Brunnert, der das Unternehmen in zweiter Generation führt. Das Familientunternehmen wurde von Mi­chael Brunnerts Vater, Herbert Brunnert, vor 52 Jahren gegründet. Nach Brunnert ist eine ver­gleichbare in Niedriglohnländern gefertigte Ho­se um gut die Hälfte billiger als im deutschen Fertigungsmarkt: Brunnert wird sich, um in der mittleren Preisklasse konkurrenzfähig bleiben zu können, auf Lohnfertigungen stützen die 50 bis 60 Prozent billiger sind als die Brettener Produktion.

Der Brettener Oberbürgermeister Metzger betonte der bevorstehende europäische Binnen­mark beschleunigt die Strukturveränderung. Die Stadt Bretten strukturiere daher um, damit ein Einbruch vermieden werden könne. In Bret­ten gehe es um Schaffung und Erhalt höherwertiger Arbeitsplätze. Metzger schließlich: „ Mir liegt daran, dass die Bestandspflege auf Dauer in Bretten Früchte trägt“.

Für die betroffenen 40 Mitarbeiter sollen ein Interessenausgleich und Sozialplan abgeschlos­sen werden. Die Verhandlungen zwischen Ge­schäftsleitung und Betriebsrat haben bereits
be­gonnen. Die übrigen 65 Beschäftigten behalten ihre Arbeitsplätze, denn das Unternehmen wird weitergeführt. Es sieht – ähnlich wie in vergangenen Jahren – für 1989 einen Umsatz von 24 bis 22 Millionen vor. Die Lohnvergabe ins Ausland wird schrittweise verstärkt. Modellentwicklung und Vertrieb werden von Bretten aus weitergeführt.

Brunnert geht nicht nach Ostasien, sondern hat, insbesondere schon in Portugal mit Lohnaufträgen erste Erfahrungen gesammelt. In Portugal werden die von Brunnert verlangten Qualitäten mehr als in der Türkei erfüllt. Vorlaufzeit und Transport sind im EG-Land Portugal leichter zu lösen.
In Bretten werden in den bisheri­gen Produktionsräumen künftig die Modellent­wicklung vergrößert, die Mustergruppe untergebracht und die Musterung zentralisiert.
Hosen aus Bretten, modisch in der Sache für junge Leute und das „Mittelalter“, wird es im veränderten Markt im europäischen Binnen­markt auch künftig geben: Die Produktionsum­wege über Portugal und die Türkei sind allerdings heute noch ungewohnt, aber nach 1992 wohl europäischer Marktalltag.

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1 Antwort zu Brettener Herrenhosen künftig aus Portugal

  1. Anton Berendi sagt:

    Gut, daß es diese älteren Artikel noch gibt. Vor 30 Jahren hat man hier die Produktion dicht gemacht, um in Portugal zu produzieren. Mittlerweile hat man Portugal auch abgewrackt und die kapitalistische Bande ist weitergezogen, um die Menschen woanders auszusaugen. Tolles System! Vor 150 Jahren hat Karl Marx im ‚Kapital‘ detailliert und fundiert beschrieben, wie die Schweinerei funktioniert.
    Wann wachen die Völker endlich auf?

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