Moment mal

Kommunalpolitik in Show-Manier
Mit sichtlichem Vergnügen präsidierte OB Metzger dem von ihm einberufenen „Gemeinde- und Gesamtortschaftsrat“ der Melanchthonstadt der den Umfang eines Großparlaments angenommen hatte, erläuterte das umfangreiche Zahlenwerk des Haushalts ’87 geduldig Abschnitt für Abschnitt, gab im lockeren Plauderton neben Ermahnungen auch Anekdotisches und Amüsantes zum besten, ließ großzügig Fragen der über hundert „Abgeordneten“ zu.

En passant erfuhr die interessierte Öffentlichkeit, daß die Bretten Jugendmusikschule, die noch im Frühjahr ihr von der Stadt gebautes neues Domizil bezieht, im laufenden Jahr einen Barzuschuß von 130 000 Mark erhält und damit „irgendwo eine Situation erreicht ist, die grundlegende Beschlüsse zur Ausgabensenkung erfordert“.

In Eigenleistung soll der Marktbrunnen generalüberholt und 20 000 Mark eingespart werden. An alle Stadtväter erging deshalb die freundliche Aufforderung, „mit der Hand am Arm“ bei dem Publikum-
wirksamen Unternehmen dabeizusein.
Schließlich wünscht die Stadt, ihr Kommunales Filmtheater zu reaktivieren durch Alten- und Jugendkino: 25 000 Mark zum Beispiel für einen Omnibus, der auch das potentielle Publikum aus den Umlandgemeinden bedienen soll, sind im Haushalt dafür eingestellt.

Ein gar nicht so lustiges Thema sorgte für allgemeine Erheiterung:. Von zusätzlichen Kondom-Automaten in ihren Bedürfnisanstalten erwartet die Melanchthonstadt ein Einnahme-Plus. Immerhin 4,09 Millionen muß Bretten als Gemeindeumlage an den Landkreis abführen. „Ich meine“, erklärte Paul Metzger dazu, „daß die Einrichtung einer Kfz-Zulassungsstelle unserer Stadt unter diesem Vorzeichen eine überfällige Geste ist“.

Trotz der überbordenden Fülle der Informationen blieb ein ungutes Gefühl: Kann eine so großdimensionierte Veranstaltung dem Problem des Haushaltes gerecht werden?
Sind nicht vielmehr zuallererst die Sachkenner aufgefordert, im kleinen Kreis die Zahlen auf ihre Verläßlichkeit abzuklopfen und in detektivischer Kleinarbeit Schwachstellen aufzuspüren?

Die Versuchung, Kommunalpolitik als große, unterhaltsame Show zu inszenieren, in der an der passenden Stelle auch Theaterdonner nicht fehlen darf, scheint in der Melanchthonstadt groß.
Eckehard Uhlig

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5 Antworten zu Moment mal

  1. spezi sagt:

    „Von zusätzlichen Kondom-Automaten in ihren Bedürfnisanstalten erwartet die Melanchthonstadt ein Einnahme-Plus.“

    Nun, bei der Sitzung v. 22.02.2016 war die Rede von einem Einwohnerzuwachs von 4000.

    So kann man dann tatsächlich die magische Grenze von 30.000 Einwohnern überschreiten.
    (Ohne dabei die Verwaltungsgemeinschaft mit Gondelsheim zu bemühen, um die höhere Stufe der OB-Besoldung zu erreichen.)Im BAK Archiv nachzulesen.

    Allerdings wird dann wohl auch der Weg zu einem Bordelbetrieb frei sein – was wiederum zu den Kondomautomaten passen würde. 🙂

    Ob der Baubürgermeister so etwas befürworten wird? Ein Privatinvestor wäre sicherlich zu finden…
    Und ein Standort als Kundenfrequenzbringer?
    Ein anonymes Parkhaus in der Nähe und die ärztliche Aufsicht für die „Dienstleisterinnen“ wären optimal.

    Parallel dazu stellt sich die Frage nach einer (Benutzungs-) Steuer!!!
    Diese kann dann zum Schuldenabbau fürs Hallenbad eingesetzt werden!!! :-), 🙂

  2. ber.-sch. sagt:

    Ich erinnere mich gern an die Provinz-Posse „Rosenkrieg“ = inszenierte juristische Blumen- und Muttertags-Show! 🙂

  3. Pet. Wag. sagt:

    Die Gags sind aufgebraucht!

  4. Pet. Wag. sagt:

    Die Ein-Mann-Show hat sich inzwischen bei der Brettener Bevölkerung abgenutzt! 🙂

  5. mm sagt:

    und so ist es bis heute geblieben: die GR Sitzungen sind zwar personell wesentlich schwächer besetzt, das Niveau ist aber ähnlich. Vorher im Ältestenrat einstudiertes Theater für die (selten) vorhandenen Zuschauer. Warum sollte man sich so etwas auch antun, die Profis im Fernsehen können’s einfach besser 🙂

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