Ein glänzender Taktiker ohne rhetorische Brillanz

Paul Metzger ein Jahr im Amt.
BRETTEN. Das erste Amtsjahr des Brettener Oberbürgermeisters Paul Metzger (Bild) ist abgelaufen. Aus gegebenem Anlaß machte unser Mitarbeiter Eckehard Uhlig den Versuch, Bilanz zu ziehen und die Amtsführung des Stadtoberhaupts zu beschreiben.
Er paßt nicht so recht in den Rahmen gängiger Vorstellungen von erfolgreichen Oberbürgermeistern. Da fehlen die rhetorische Brillanz, die repräsentative Aura und Distanz des Amtsträgers gern, der diskrete Charme eines mit akademischen Titeln geschmückten Bildungsbürgers. Für derlei Erwartungshaltung ist Bretten als Stadt vielleicht auch zu klein.

Andere Qualitäten zeichnen Paul Metzger aus, der nun seit genau einem Jahr die Geschicke der Melanchthonstadt lenkt. Mit unbändigem Arbeitseifer und einem exzellenten Gedächtnis, Akten- kenntnis bis hinein ins kleinste Detail, Geistesgegenwart und Übersicht rückt der neue OB den nicht geringen Schwierigkeiten seiner Stadt auf den Leib.
Metzger ist ein glänzender Taktiker, mit allen kommunalpolitischen Wassern nicht nur getauft, sondern gründlich gewaschen, der die Möglichkeiten (und auch die, Tricks) von Gemeindeordnung und -satzung, wenn es sein muß bis zum „Geht nicht mehr“ ausreizt. Nicht selten provoziert er die Dauerdebatte im Stadtrat und behält – vom verbalen Schlagabtausch sichtlich beflügelt – am Ende fast immer recht.
Als Pragmatiker scheut sich der parteilose Verwaltungschef keineswegs die Fronten zu wechseln. Die kleine FDP und die Grünen, einst treue Hilfstruppen im Wahlkampf, haben dies schmerzlich zu spüren bekommen: nicht nur eine „Männerfreundschaft“ ist darüber zerbrochen.

Mit der unauffälligen und braven Brettener Sozialdemokratie hat Metzger seinen Frieden gemacht, hier findet er immer häufiger Zustimmung.
Die Freien Wähler bleiben meist reserviert und halten sich weithin bedeckt, die Oberen der starken CDU-Fraktion hecheln den immer neuen und überraschenden Volten ihres Oberbürgermeisters stets atemlos hinterher.

Paul Metzger „regiert“ nicht vom bequemen OB-Sessel aus, er ist in Übereinstimmung mit seinem Naturell ein „Bürgerschultes“ mit enormer Bodenhaftung geworden. Die Bürgerversammlung, der Marktplatz, die Vereine, das Fußballfeld und der Stammtisch sind sein ureigenes Element, niemand weiß besser als er auf der zuweilen disharmonisch gestimmten Mentailtäts-Klaviatur heimatverbundenen Menschen im Kraichgau zu spielen. Da schaltet und waltet einer im Rathaus, der Leuten aufs Maul schaut, Stimmungen richtig einschätzt, seine Pappenheimer von Grund auf kennt.

Was auf den ersten Blick kaum ins Bild passen, will: erstaunliche Erfolge zeichnen sich im Bereich technologisch-innovativer Industrieansiedlungen ab. Metzger besitzt einen direkten Draht nicht nur zu den Bossen der örtlichen Industrie (hinter Neff stehen immerhin Siemens und Bosch), sondern auch das Wohlwollen des Ministerpräsidenten. Nicht erst einmal hat Lothar Späth dem agilen Schultes aus Bretten öffentlich Lob gezollt.

Da sind „Industrieschienen“ und „High-Tech“verbrämte Wirtschaftsregionen im Gespräch – ein Zug, der von Karlsruhe aus in Gang gesetzt, auch der Melanchthonstadt mehr als Trittbrettfahrer-Funktion verheißt.
Man gewinnt freilich den Eindruck, die ungleiche Liaison könnte bald an den harten Tatsachen scheitern – die kürzlich bekannt gewordene Summe von 1,3 -Millionen Mark frei verfügbarer Mittel, im nächsten Haushalt offenbart die bescheidene Investitionskraft der in Zukunftsvisionen schwebenden Stadt.

Doch der OB rechnet anders: Soll die Landesregierung vom Modellcharakter des Raumes Bretten überzeugt bleiben, nichts spricht dagegen, werden Landes- und Bundesmittel für die verschiedenen Projekte fließen. Strukturprogramm und Fortführung der Altstadtsanierung, die Bündeltrasse zur Lösung innerstädtischer Verkehrsprobleme und die geplante Stadtbahn nach Karlsruhe können ohnehin nur mit kräftigem Rückenwind aus Stuttgart und Bonn umgesetzt werden.

Obwohl Paul Metzger dünnhäutiger reagiert und der sonnige Optimismus der ersten Amtswochen verflogen scheint, verkündet er unverdrossen einem jeden der es noch hören will: „ich bin dafür angetreten, die Attraktivität des Mittelzentrums Bretten zu stärken.“
Da steht er also und will nicht anders.

Die Themen dieses Tages in einem anderen Jahr :

Print Friendly, PDF & Email
Dieser Beitrag wurde unter Sonstiges abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Ein glänzender Taktiker ohne rhetorische Brillanz

  1. h - z sagt:

    Aktuell kämpft Metzger in der Bürgerinitiative um den Erhalt der Geburtshilfe! 🙂

    Genauso engagiert – wenn nicht noch engagierter als Metzger – kämpft aktuell sein Nachfolger im Amt um die Geburtshilfe in der Rechbergklinik besonders mit diversen Briefen (schriftlich) und vielen Worten (mündlich)! 🙂

    Bei den Kampfeinsätzen dieser beiden Persönlichkeiten habe ich keine Sorge um den Bestand der Geburtshilfe in Bretten! 🙂

  2. h - z sagt:

    Metzger (damals parteilos):

    „Ich bin dafür angetreten, die Attraktivität des Mittelzentrums Bretten zu stärken.“

    Resultat 25 Jahre nach Erscheinen obigen Berichtes sowie nach absolvierten 24 Amtsjahren des ehemaligen Amtsinhabers: 🙁

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.