Leserbrief : Persönlicher Blickwinkel herrscht zu sehr vor

Zum Bericht über die Bürgerversammlung zur Umgehung von Gölshausen und die Bündelungstrasse unter der Überschrift
Im Mittelpunkt muß der Menschen stehen“ vom 11.Juli

Die Bürgeranhörung Umgehung Göshausen/ Bündelungstrasse am 9. Juli war zwar vom Informationsangebot her etwas dünn, die Diskussion der Bürger – soweit ihr der Selbstdarstellungsdrang der Verwaltung überhaupt Raum ließ – hat dagegen wieder einmal offengelegt, wie eingeengt und schmalspurig in Bretten Verkehrsfragen erörtert werden.
Viele Wortbeiträge charakterisierten den Autoverkehr gleichsam als ein bedrohliches Ungeheuer, durch nichts und niemand aufzuhalten, keiner Beeinflussung zugänglich. Der Bürger fühlt sich ihm ausgeliefert, nur noch darauf bedacht, -wenigstens die eigene Haut zu retten, sprich vorhandene Belastungen (Gölshausen) wie auch immer loszuwerden bzw. neues-Ungemach (Bündelungstrasse) vom eigenen Haus fernzuhalten.
Der persönliche Blickwinkel war vorherrschend, vorgegebene öffentliche Interessen wirkten arg strapaziert. Dies ist bei einer wachsenden Ich-Orientierung in unserer Gesellschaft nur allzu verständlich: Ich will meine Ruhe haben – ich will keinen Verkehr mehr vor dem Haus haben – mir sind schon die Schulbusse zu laut -jede weitere Abgasbelastung ist mir Unerträglich…
Dagegen steht das tägliche Verhalten: Ich will Auto fahren – ich will direkt vor dem Geschäft parken – warum soll ich Bus oder Zug benutzen? – warum soll gerade ich auf der Georg-Wörner-Straße „nur“ 50 km/h fahren? – Schritttempo in der Unteren Kirchgasse? ohne mich!

Das verzweifelte Bemühen, die Belastungen des Autoverkehrs von sich fernzuhalten, steht einer völlig unreflektierten Benutzung des eigenen Pkw gegenüber (siehe voll belegte Parkplätze vor der Halle). Das Ganze gipfelte in dem Argument, man solle doch lieber die Menschen vor dem Verkehr schützen als die Bäume und die Kröten.
Wer macht eigentlich Verkehr? Etwa die blauen Männlein vom Mars? Wenn wir ins Auto steigen, wechseln wir offensichtlich die Identität. Wir schütteln das Dasein als belasteter Anwohner von uns ab und treten ein in das PS-starke Reich der mobilen Menschen, vor uns die freie Fahrt für den freien Bürger. Wehe dem, der uns aufhalten will. Nur möglichst schnell ans Ziel – die Dinge unterwegs, Lärm und Abgas für andere, zählen nicht. Wem ist schon bewußt, daß er jedes Mal andere belastet, wenn er sich hinter das Steuer setzt? Wenn er Fußwegentfernungen mit dem Auto zurücklegt oder zur selben Zeit wie ein Bus oder Zug, den er hätte benutzen können, an seinem Wohnort mit dem Wagen losfährt?
Es gilt nicht, den Menschen vor dem Verkehr zu schützen, sondern vor seiner eigenen Unvernunft. Doch heute zählt für die meisten von uns der persönliche Vorteil zehnmal mehr als das Wohl aller.
OB Metzger dürfte es schwer haben mit seinem Appell. „Wir müssen gemeinsam eine Lösung finden.“ Hat er doch selbst wenig dazu beigetragen, zu einer umfassenderen Sicht der Verkehrsproblematik zu kommen. Folgt man ihm, so ist einem unabänderlich steigenden Straßenverkehr ausschließlich mit noch leistungsfähigeren Straßen beizukommen. Die Stadtbahn und ihre Fortsetzung nach Eppingen ist dagegen eine ganz andere Sache. Und Fahrradverkehr kommt bis jetzt gar nicht vor. Ganz so, als hätte eines mit dem anderen überhaupt nichts zu tun.

In anderen Städten weiß man, daß parallel laufende Verkehrsströme z. B. auf Straße und Schiene sich verhalten wie zwei parallele Wasserröhren. Vergrößert man die eine (z. B. die Straße), fließt in der anderen (der Schiene) weniger. Verbessert man die Schiene, holt man nachweislich Verkehr von der Straße zurück. Doch – bei der Stadtbahn nach Karlsruhe dürfen inzwischen die Brettener Einzelhändler kräftig mitreden – ohne Fußgängerzone keine Stadtbahn. Gemeinwohl vor Einzelinteresse?
Die Bürgerinitiativen in Gölshausen und an der Bündelungstrasse wären viel glaubwürdiger, wenn sie ihr eindimensionales Denken aufgeben und sich für eine umfassende Reduzierung des Autoverkehrs einsetzen würden. Wo ertönt in Gölshausen der Ruf nach der Stadtbahn? Wer kämpft für einen anständigen Radweg nach Bretten? Wer tritt für die Verdichtung der Busfahrpläne als ersten Schritt ein?
Wann werden die Gegner der Bündelungstrasse ihre ersten Informationsveranstaltungen machen, um ihre lieben Mitbürger über die Belastungen des Autoverkehrs aufzuklären, die sie ja selbst so sehr fürchten? Wer hindert uns daran, von der Stadt und der Bundesbahndirektion Karlsruhe die Haltepunkte Wannenweg und Sportzentrum im Vorgriff auf die Stadtbahn zu fordern, sobald die flinken Triebwagen der Baureihe 628 eingetroffen sind?
Es gibt viel zu tun, gemeinsam zu tun. Zum Vorteil aller und im Interesse aller. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Es geht nicht darum, das Auto abzuschaffen – es geht darum, es vernünftig zu benutzen. Fangen wir endlich an, umfassender zu denken!

Otto Mansdörfer
Die Grünen
Reuchlinstr. 24,
7518 Bretten

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1 Antwort zu Leserbrief : Persönlicher Blickwinkel herrscht zu sehr vor

  1. Polak sagt:

    „Es gilt nicht, den Menschen vor dem Verkehr zu schützen, sondern vor seiner eigenen Unvernunft.“
    Wer im Jahre 2006 die Idee einer Bündelungstrasse wieder aufnimmt, den sollte man wirklich vor seiner eigenen Unvernunft schützen!!

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