zu TOP 6 der Gemeinderats-Sitzung vom 23.06.2015

Ich muss den Verfassern dieser Beschlussvorlage ein großes Lob aussprechen. Sie ist ein wahres Meisterwerk. Wie konnte sie nur so gut gelingen, diese Sternstunde der politischen Realsatire? Indem man sich an die Regeln hielt, die bereits vor fast 100 Jahren von Großmeistern der Komik wie Stan Laurel und Oliver Hardy, angewendet wurden. Sie hatten sich gegenseitig aber auch jeder sich selbst zum Deppen gemacht, zur Freude des Publikums.

Dies könnte der Verwaltung und dem Gemeinderat heute auch gelingen. Dass das Publikum nicht johlend und feixend auf seinen Plätzen sitzt, liegt einzig und allein daran, dass dieser politische Witz seit mehreren Monaten schrittweise in Zeitlupe erzählt wird und heute hören wir nur noch die Pointe. Die Insider haben bestimmt beim Lesen der Vorlage bereits herzlich über sich selbst gelacht, zumindest hoffe ich das.
Für diejenigen, bei denen die Pointe den Erkenntnishorizont noch nicht erreicht hat oder die die Einleitung verpasst haben fasse ich es noch einmal zusammen:

In der Ausschreibung zur Stelle wurde das Aufgabenspektrum folgendermaßen umschrieben: Kämmereiamt, Ordnungsamt, Grundbuchamt, etc.
Daraufhin hatten sich 15 Bewerber gemeldet, von denen die überwiegende Mehrheit, wegen der Ausrichtung der Ausschreibung auf die Kämmerei, Erfahrungen mit dem Schwerpunkt Finanzen geltend machten. Die wenigen mit Schwerpunkt Bauwesen hat man gleich aussortiert, da sie nicht ins Ausschreibungsprofil passten.

Jetzt soll der erste Beigeordnete aber einem Dezernat vorstehen, bei der die Finanzen überhaupt keine Rolle mehr spielen und der Schwerpunkt ausgerechnet auf dem Bausektor liegt.
Interessanterweise wurde Verwaltung und Gemeinderat mehrfach darauf hingewiesen, dass Bretten eine Art Baubürgermeister bräuchte. Zuletzt wurde dies noch in der Bürgerfragestunde vor der Sitzung, bei der die Bewerbungsvorlage abgesegnet wurde, von einer weitsichtigen Zuhörerin angemahnt, was damals von Seiten der Verwaltung heftig dementiert und vom Gemeinderat geflissentlich ignoriert wurde. Heute stimmen wir genau darüber ab.

Aber Spaß beiseite, wer auch nur einigermaßen klaren Verstandes hier im Saal ist und bezüglich der Ausschreibung nicht von einer vorsätzlichen Täuschung der Öffentlichkeit ausgeht, kann diesem Antrag doch nicht ernsthaft zustimmen. Für diejenigen, die das noch nicht begriffen haben, ein Beispiel.

Die Umstrukturierung der Dezernate wäre so, als ob eine Firma die Stelle eines kaufmännischen Leiters ausschreibt und sobald dieser seine Stelle antritt, diesem stattdessen die technische Leitung überträgt, weil man ihm die Verantwortung über die Finanzen nicht zutraut.

Übertragen auf hier und heute bedeutet dies, dass man die Finanzkompetenz des dafür gewählten, neuen Amtsinhabers bereits anzweifelt, bevor dieser überhaupt tätig werden kann und somit das Ansehen und die Würde unseres zukünftigen Bürgermeisters und seines Amtes in hohem Maße beschädigt.
Oder aber es bedeutet, dass die Ausschreibung falsch formuliert war, denn seit der Ausschreibung hat sich personell bei der Verwaltung nichts geändert. Womit es Verwaltung und Gemeinderat hervorragend gelungen wäre, sich selbst zu diskreditieren.

Fakt ist dann jedenfalls, dass bei korrekter Ausschreibung vermutlich auch andere, im BauSektor qualifiziertere Bewerber in das Verfahren eingestiegen wären. Bei der Ausschreibung war jedoch ganz offensichtlich keiner der Protagonisten Willens oder auch nur ansatzweise in der Lage einige Wochen vorauszudenken. Warum dies nicht geschah, ob nun aus Unwissenheit, Naivität oder aus machtpolitischem Kalkül, entzieht sich meiner Kenntnis, ich fürchte jedoch, sämtliche, wenig schmeichelhafte Motive waren vorhanden.

Suchet der Stadt bestes“ (Jeremia 29,7) war jedenfalls nicht das Leitmotiv, dies ist auch nicht verwunderlich, da es keines der strategischen Ziele des Gemeinderates ist und damit für die Verwaltung wohl auch nicht gilt. Hoffnung gibt der Bibelspruch dennoch, denn er endet mit den tröstlichen Worten „… und betet für sie“ , was wir immer noch tun können.

Aber Humor ist wenn man trotzdem lacht und das macht das Leben bekanntlich leichter. Falls eine mehr oder minder arglose Mehrheit des Gemeinderates diesem Antrag dennoch zustimmt, so wünsche ich dem neuen Bürgermeister die Kraft diese schallende Ohrfeige des Gemeinderates zu ertragen und viel Glück mit einem Dezernatszuschnitt, für den er sich explizit nicht beworben hatte.

Gernot Fritz

Die Themen dieses Tages in einem anderen Jahr :

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Kommentare

9 Kommentare

  1. Franz Cizerle am 11. August, 2015 10:57

    Gratulation Herr Fritz!

    Wenn man die wenig schmeichelhafte Meinung der lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger über den Gemeinderat (und die Stadtverwaltung so oder so!) betrachtet, so haben Sie mit Ihrem Beitrag sicherlich große Pluspunkte gesammelt. Auf jeden Fall ist Ihre Ausarbeitung für die Schublade viel zu schade.

    Eine anonyme Umfrage würde diese Einschätzung sicherlich bestätigen…

    Das große Problem der meisten Leser besteht meines Erachtens darin, dass sie qualifizierte Beiträge nirgendwo nachlesen können und das Prinzip der politischen Mehrheiten leider nicht durchschauen. Ein Vorschlag kann noch so gut sein, wenn die politische Mehrheit das nicht will und das Abstimmungsergebnis zu ihrem Vorteil ausnutzen will und auch entsprechend durchführt, so soll wenigstens das Volk wissen, was da abgelaufen ist.

    Ich bin überzeugt, dass sich die Meinung der breiten Mehrheit über den Gemeinderat durchaus ändern kann, wenn die qualifizierten Kommentare (zum Vorteil der Bevölkerung und nicht der Stadtverwaltung) veröffentlicht und auch verstanden werden. Dadurch wird auch deutlich, dass die Wahl der Gemeinderatsmitglieder nicht parteiabhängig, sondern nach dem gesunden Menschenverstand erfolgen sollte. So muss man den Lesern auch die Möglichkeit geben, die neutrale Einstellung einzelner Kandidaten der Bürgerschaft gegenüber, nachlesen zu können.

    Derartige Beiträge können jederzeit über info@bak-bretten.de eingereicht werden.

  2. Matz am 11. August, 2015 13:08
  3. spezi am 11. August, 2015 14:54
  4. Blogleser am 12. August, 2015 10:04

    das Beste, was ich seit Jahren von einem Gemeinderatsmitglied gehört und gelesen habe!
    Während für die Mehrzahl der Gemeinderädchen ein solches Vorgehen der Stadtverwaltung wohl bereits „normal“ erscheint, hält es Herr Fritz offensichtlich mehr mit Goethe:

    „Ironie ist das Körnchen Salz, das das Aufgetischte überhaupt erst genießbar macht“

  5. fc am 10. Oktober, 2015 19:29

    „Das wussten wir schon im Februar dieses Jahres, dass Herr Michael Nöltner neuer Bürgermeister in Bretten sein wird.“

    Das waren Aussagen am Wochenende (02.bis.04.10.2015) von der Bürgerschaft in Bellegarde – über 500 km von Bretten entfernt. Zwischenzeitlich wird hinter vorgehaltener Hand auch in Bretten erzählt, dass diese „Selbstverständlichkeit“ bereits zu Weihnachten letzten Jahres die Runde machte.

    So sind jetzt alle Akteure (OB, BM und die Mehrheit des GR) meines Erachtens unten durch und unglaubwürdig.

    Wir müssen uns aber spätestens bei der nächsten Wahl daran erinnern, weil sicherlich kein Mitglied des Gemeinderates willens oder fähig ist, diese Wahl im Nachhinein vor dem Verwaltungsgericht Karlsruhe klären zu lassen.

    Und die Aufsichtsbehörden? Wofür sind die da?

  6. fc am 19. Juni, 2016 14:39

    „OB überfordert“
    http://www.nadr.de/2016/06/19/ob-ueberfordert/

    Den Eindruck hatte man bei o.g. Wahl nicht. Ebenso wenig wie beim persönlichen Werbeeinsatz für Glasfaserausbau durch die Fa. BBV.
    Siehe auch die vielen Amtsblätter, die eine Werbung für Privatfirmen nicht zulassen!!!

  7. -az- am 4. Januar, 2017 19:21

    „Die Funktion von Propaganda besteht vor allem in der Absicherung der Macht der herrschenden Eliten und der Verdummung der Beherrschten. So einfach ist das.“
    Zitat aus:
    http://www.nachdenkseiten.de/?p=36428#more-36428

    So wird es verständlicher…

  8. xaver am 8. August, 2017 22:04

    „Pacemakers-Marathon“.

    ZITATE / Auszüge aus
    http://nadr.de/einsatz-fuer-den-frieden/

    „Seit einigen Jahren ist Bretten zentraler Ort der Pacemakers. Sie starten hier ihn aller Herrgottsfrüh und werden abends auch hier wieder empfangen. Am Samstagmorgen mussten sie zum ersten Mal ohne formvollendete Verabschiedung durch einen Vertreter der Stadt auf den Weg machen. Um 5:45 Uhr war der urlaubende OB selbstverständlich nicht zur
    Stelle und ein Vertreter konnte nicht aufgetrieben werden. Mehr als ausgeglichen wurde das durch den Empfang durch die Heidelberger und Mannheimer Oberbürgermeister.“

    „Abend sollte das anders werden.
    …Bürgermeister Michael Nöltner informierte…“

    Man könnte sich fremdschämen…
    Eine Landesweit bekannte Veranstaltung zu verpennen ist aber wohl eine besondere Leistung der Brettener Spitzenvertreter!!!

    Denn, „Mehr als ausgeglichen wurde das durch den Empfang durch die Heidelberger und Mannheimer Oberbürgermeister.“

  9. Leins, Heidemarie am 22. November, 2017 21:12

    Soll ich jetzt sagen, dass es anmaßend ist, so über die Verwaltung zu urteilen? Ja, ich sage es, wenn Herr Waidelich etwas schreibt, ohne dabei gewesen zu sein. Das ärgert mich sehr. In Vertretung des OB Wolff begrüßte ich und verabschiedete ich die Radfahrer. OB Wolff kann jeden beauftragen, ihn zu vertreten.
    Es war auch kein Problem, denn ich/wir stand/en schon kurz nach 4 Uhr in der Küche und bereiteten vor.
    Vielleicht ist Recherche angebracht, ehe hier so hergezogen wird? Zwangsläufig muss ich mich angesprochen fühlen.
    Ich hoffe, dass Sie nicht noch mehr unreflektiert übernehmen.
    H.Leins

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