Bretten unter der Lupe, Teil 2

zur Quelle der hier verwendeten Zitate und Fakten, siehe Teil1: Gesellschaften und Teilgesellschaften im Bretten der 60er Jahre

Teil 2: Kriegsende, Entnazifizierung und „Neuanfang“

Das unmittelbare Kriegsende in Bretten war geprägt durch eine etwa 2 Monate dauernde Phase von Gewalt, Willkür, Demütigung und Mißhandlung durch marokkanische Einheiten der französischen Armee. Es gelang den Franzosen nicht, eine geordnete Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln aufzubauen. Aber auch die frühere Brettener „Oberschicht“ konnte zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung und Grundversorgung der Bevölkerung nichts beitragen, was zu einem Verlust des Ansehens und wachsendem Mißtrauen der Bürger gegenüber dieser ehemaligen Führungsschicht führte.

Die sogenannte „Entnazifizierung“ ein Maßnahmenbündel der Vier Sieger-Mächte, die die deutsche und österreichische Gesellschaft, Kultur, Presse, Ökonomie, Jurisdiktion und Politik von allen Einflüssen des Nationalsozialismus befreien sollte, traf in Bretten bei der Bevölkerung auf Ablehnung, denn die Maßnahmen wurden von der Bevölkerung als ungerecht empfunden. Berichte über die „angeblichen“ Greueltaten des Nationalsozialismus wurden und werden als nicht sonderlich erschütternd beurteilt.

  • „die Entnazifizierung der Amerikaner hat viel Unheil angerichtet“
  • „Viele kleine Mitläufer sind bestraft worden und für immer der Demokratie entfremdet“
  • „Aber so ist das ja immer. Die Kleinen fängt man, die Großen läßt man laufen“
  • „Wo man doch genau wusste, daß sie nie jemandem auch nur ein Haar gekrümmt hatten“
  • „ein Schwimmbad hat er für die Stadt gebaut — dafür haben sie ihn dann eingesperrt“


Auf jeden Fall war man um der lieben Ruhe und Ordnung in der Stadt bereit, einen Kompromiss des gegenseitigen Vergessens einzugehen.

  • „Man sollte mit dem Rummel aufhören, weil …die Angeklagten ja auch nur nach dem Befehl gehandelt haben“
  • „Wer nicht gehorcht hätte, wäre selbst getötet worden“
  • „Die Leute haben unter Zwang gehandelt“
  • „Es war ja Krieg, da hat jeder getan, was befohlen war“
  • Die anderen sind aber genau so schuldig“


Empört zeigten sich die Brettener allerdings dann doch über die „neue politische Richtung“ nach dem Krieg, an deren Spitze ein radikaler Sozialdemokrat stand, der während des dritten Reiches der Stadt verwiesen worden war.

Das war viel zu human. An die Front hätten sie ihn schicken sollen„,

so die Reaktion der Leute. Doch schon bald hatte man den „Sozi“ wieder aus dem Amt gedrängt und die gewohnte Führungsschicht, mit ihren teils entnazifizierten, aber auch nicht entnazifizierten Mitgliedern, mit ihren altbekannten Gesichtern und Namen, war wieder installiert.
Dem Bedürfnis nach „Ruhe und Ordnung“ wurde wieder Rechnung getragen, war es doch dieses Bedürfnis, das angeblich dafür gesorgt hatte, dass man sich offen gegen den Nationalsozialismus wandte.

  • „Man machte mit, um das Schlimmste zu verhindern“
  • „man gehörte dazu…um die damals vorhandenen Spannungen und Fehlbesetzungen ausgleichen zu helfen“


Die Welt in Bretten war wieder in Ordnung und die „Oberschicht“, wieder zurück an führenden Stellen, „arbeitete weiter unentwegt für das Wohl der Stadt!“

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