Bretten unter der Lupe, Teil 1

BAK   26.März, 2009 | 2 Kommentare   Artikel 5242x gelesen

 

„Politik in einer deutschen Kleinstadt“, lautet der Titel einer soziologischen Untersuchung von Dr. Benita Luckmann. Ausgesucht hatte sie sich dafür in den 60er Jahren die Kleinstadt Bretten. Dass sie mit einer wissenschaftlichen Untersuchung Aufregung bei den Untersuchten auslösen wurde, war ihr sicherlich erst nach Erscheinen des Buches im Jahr 1970 klar. Denn sie mußte ihrem Werk eine „Erklärung zu meiner Veröffentlichung“ voranschicken. Grund : sie wurde von einem Karlsruher Rechtsanwalt darauf hingewiesen, dass das Buch in einzelnen Passagen eine Diffamierung des früheren Bürgermeisters und seiner Ehefrau enthielte.

Die Herrschaften hatten die im Rahmen der Befragung der im Vorfeld des Bürgermeisterwahlkampfs 1965 abgegebenen Meinungen von Bürgern über ihren Bürgermeister und dessen Gattin, worunter es offensichtlich auch negative gab, mit der Meinung der Autorin verwechselt.
Was also ist so beklagenswert an einer soziologischen Untersuchung Brettens in der ersten Hälfte der 60er Jahre? Wir möchten Ihnen hier in einer lockeren Folge Auszüge aus einigen Kapiteln des Buches bieten.

Teil 1: Gesellschaften und Teilgesellschaften im Bretten der 60er Jahre

Wir sind doch alle Brettener

In ihren Antworten auf die Frage auf das Vorhandensein von sozialen Schichten in der Stadt versuchten die Brettener mir zuerst einmal klarzumachen, daß Bretten eine Gemeinschaft darstellt, die alle Einwohner der Stadt mit einschließt,

beginnt die Autorin dieses Kapitel. Dieselben Personen allerdings, die behaupten, daß es in Bretten keine Klassenunterschiede gibt, meinen gleichzeitig, ohne sich eines Widerspruchs bewußt zu werden, daß man „in die Kreise wo der Chef verkehrt, nicht hineinkommt„; daß „man mit den alteingesessenen Familien, die finanziell gut gestellt sind, nicht zusammenkommt„.

Denn für die älteren Brettener ist ihr bekannter Name, die historische Rolle, die ihre Familien in Bretten gespielt haben, oder auch ihr Verwandtschaftsverhältnis zu wirtschaftlich erfolgreichen Familienzweigen weiterhin für ihre hohe Statusbewertung entscheidend.

Man beurteilt die Leute in Bretten schon danach, wer am meisten hat„, aber man sagt auch „was ist der denn schon? Ein Neureicher, aber sonst nichts anderes„.

Die Oberschicht selbst, sieht sich allerdings gerne in der bescheidenen Rolle : Man will natürlich gediegen auftreten, „aber so im Sportwagen herumkutschieren und nach der neuesten Mode angezogen zu sein, das liegt uns nicht„. „Wir Brettener sind einfache Leut“ behauptet ein als „steu-reich“ angesehener Fabrikant. Gleichwohl wird der hohe Status der Oberschicht mit Selbstverständlichkeit akzeptiert und muß nicht unter Beweis gestellt werden : „an einem anderen Ort setzt sich der B. mit Selbstverständlichkeit an den besten Platz, genau so wie er am Peter-und-Pauls-Fest selbstverständlich den ganzen Tag durch die Stadt marschiert„.

Eine neue gesellschaftliche Schicht, von der man nicht genau weiß, ob sie der Mittelschicht oder der Oberschicht zuzurechnen ist, sind die Manager, die in den Brettener Betrieben arbeiten. „Man kennt sich bei denen kaum aus. Bald kommen sie, bald gehen sie. Man sieht nur den großen weißen Mercedes vorbeirauschen und weiß kaum, wer drinnen sitzt…„.

Teilweise arbeiten sie nur in Bretten, leben aber außerhalb, teilweise haben sie sich den „Prominentenhügel“ Brettens als Wohnlage auserkoren. Ihre sozialen Kontakte haben sie hauptsächlich nach Karlsruhe ausgerichtet, ihre Kinder gehen dort in höhere Schulen, ihre Frauen kaufen dort ein, ihre Freizeit verbringen sie dort :

für das kulturelle Leben ist man doch auf Karlsruhe angewiesen„. Vor allem den Frauen der Manger, die in Bretten leben (müssen), erscheint das Städtchen „ein furchtbares Kaff„, „wo nichts los ist„,“verschlafen„, „eine langweilige Kleinstadt„.

Einig waren sich die Brettener auch darüber, dass die „ganz unten stehenden“ Gastarbeiter, sich außerhalb der städtischen Gemeinschaft befinden. Die „Fremdarbeiter“, wie sie auch genannt werden, werden als mehr oder minder notwendiges Übel betrachtet. „Die Gastarbeiter sollen in ihrem eigenen Land bleiben. Man sollte deutsches Kapital in Italien investieren, anstatt die Leute herzubringen„. „Sie arbeiten Überstunden, weil sie ja nur am Arbeiten interessiert sind, damit sie so schnell wie möglich viel Geld verdienen und nach Hause können„.
Man möchte nichts mit ihnen zu tun haben, sie gelten den Brettenern als „primitiv“, „die zu Hause noch in Höhlen leben„, „die gleich mit dem Messer zur Hand sind„.

Die „Nabbelduddler“, wie der Autorin berichtet wurde, seien die etwa 7-10 Familien in Bretten, die als „Asoziale“ gelten. Im Sommer kämen gar noch einige „Landstreicher“ dazu. Sie alle lebten, „unten im Loch“, „im Busch“, in der Nähe des Eisenbahntunnels am früheren Stadtrand am Wannenweg. Unter ihnen gibt es Alkoholiker, Krüppel, Syphilitiker, geistig Beschränkte, oder die aus welchen Gründen auch immer „den Anschluß verpaßt haben„.

Die so Geschmähten denken allerdings ähnlich negativ über die Brettener : „Mit Bretten möchte ich nichts zu tun haben„,“die sollen uns bloß in Ruhe lassen…„, „ich gehe nie in die Stadt„, „…denn wenn man hier einmal lebt, wird man ja sowieso nicht mehr zu den Brettenern gezählt„.

Die Brettener Oberschicht hält so ein „Loch“ in der Stadt, in dem ordnungsstörende Elemente verschwinden können und unsichtbar bleiben, für notwendig. Die anderen, vor allem die Unterschicht, verabscheut die „Nabbelduddler“ : „wenn das Geld kommt, wird alles versoffen, neue Sachen werden gekauft; die kann man dann nicht weiter abzahlen, es kommt der Mann mit dem Kuckuck, holt alles ab und dann fängt es von vorn an„.

Die Stadtverwaltung versuchte die „Nabbelduddler“ in neue städtische Wohnungen umzusiedeln, was zum Teil erfolgreich war, bei der Bevölkerung allerdings mit Neid kommentiert wird : „die Leute vom Busch leben jetzt in Steinhäusern und wenn man vorbeigeht, sieht man überall Fernsehantennen…„.

Teil 2: Kriegsende, Entnazifizierung und “Neuanfang”
Teil 3: Wer wird in Bretten Gemeinderat — und warum?
Teil 4: Politischer Entscheidungsprozeß bei der Durchführung eines Kommunalprojekts

Die Themen dieses Tages in einem anderen Jahr :

Print Friendly, PDF & Email

Stichworte :, , , , , , ,


Kommentare

2 Kommentare

  1. RL am 28. März, 2009 12:22

    Tja, da hat man wohl alle Vorurteile zusammengestellt. Ich erkenne Bretten sofort wieder in dem Bericht :-). An einigen Dingen ist sicher auch ein Funke Realität… Allerdings wohne ich in Bretten und arbeite in Karlsruhe als Manager. Und dies weil ich Kultur, Natur und soziales Umfeld hier in Bretten mehr schätze als in Karlsruhe… Wenn sich jedoch in den nächsten Jahren nix an der desolaten Verkehrsanbindung zwischen KA und Bretten ändert, dann werde ich wohl umziehen. Andere OBs haben auch schöne Städtchen in denen man sein Geld ausgeben kann :-).

  2. Arth. Br. am 6. April, 2009 19:03

    …Und darauf ist ein Karlsruher Rechtsanwalt hereingefallen? 🙂

Name (erforderlich)

Email (erforderlich)

Website

Sagen Sie Ihre Meinung !